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Martin Walser : Das richtige Europa

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Die Bundesrepublik musste, um durch den Marshallplan zu Kräften zu kommen, keine „systemische“ Änderung durchmachen. Nicht vorstellen will ich mir eine „Volksabstimmung“ über mögliche Lösungen. Ich glaube nicht, dass wir eine Bajuvarisierung zu fürchten hätten, aber die Mobilisierung der Angst wäre schlimm genug. Man sehe doch nur, dass kaum ein Experte, der gegen den jetzigen Kurs (unserer Regierung) ist, es unterlässt, uns, falls seine Ansicht sich nicht durchsetzen sollte, eine Katastrophe zu prophezeien. Auch das nimmt mich für Paul Kirchhof ein, dass er sagt: „All dieses ist nicht Unglück, nicht Krise, sondern Ausdruck eines Übergangs.“ (Und wie wurde Kirchhof einmal als „der Professor aus Heidelberg“ heruntergekanzelt!)

Deswegen die paar Lichtblicke auf die Vorteile unserer europäisch gesonnenen Literatur. Die deutsche Sprache hat Gehen und Schreiten und Tanzen und Tänzeln gelernt in Griechenland, in der Provence, in England und sonst wo.

Europa ist eine Messe wert

Was aus unserer Sprache geworden wäre, wenn Luther nicht die Bibel ins Deutsche übersetzt hätte, mag man sich nicht vorstellen. Man denke bloß an all die Söhne aus den evangelischen Pfarrhäusern! Bis zu Nietzsche und Karl Barth und Gottfried Benn. Und Hölderlin hätte nicht so geschichtsmächtig sagen können:

„... denn zu sehr, / O Christus! häng ich an dir, wiewohl Herakles’ Bruder“. Wirtschaftlich gesprochen: Wir haben unendlich profitiert durch unsere Importe.

„Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht, / Auf die Fluren verstreut.“ So beginnt Klopstocks Ode auf den Zürchersee, 1751. Im asklepiadeischen Takt. So gelenkig war die deutsche Sprache nicht, bevor sie bei Anakreon, Alkaios, Asklepiades und Sappho in die Lehre ging. Wenn man so etwas rechtzeitig gelesen hat, verlässt es einen nie mehr und beschwört in jedem Erinnerungsmoment das Ganze herauf: nämlich Europa.

Warum sollte den Völkern, um die es jetzt geht, nicht mit unserem Beistand eine eigene Entwicklung gelingen, die uns aus der Krise hinausführt? Wurde die aus den Vereinigten Staaten im Jahr 2008 herüberschwappende Krise nicht durch Klugheit aller Beteiligten exemplarisch trockengelegt?

Es darf nur nicht der als Sachverstand kostümierte Kleinmut das Sagen haben. Ein Rückschritt jetzt würde das richtige Europa für unvorstellbar viele Jahre auf den Müllhaufen der Geschichte werfen. Es wäre dann vorerst nicht mehr denkbar. Aber eben das muss es bleiben - denkbar! Europa ist eine Messe wert. Auch das haben wir gelernt. In Frankreich. Wir haben, was wir sind, gelernt. Europa ist auch eine Lerngemeinschaft.

Hölderlin nämlich sagt: „Und die Sünden der Welt, die Unverständlichkeit / Der Kenntnisse nämlich, wenn Beständiges / Das Geschäftige überwächst ...“ Aber er sagt auch: „Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch“.

Das wenigstens darf man sich doch gesagt sein lassen. Denn das richtige Europa ist kein Elite-Club und kein von einer Superbehörde regierter Staatenbund. Das richtige Europa ist eine Lerngemeinschaft, gegründet auf Freiwilligkeit und Selbstbestimmung.

Das ist nämlich das, was Europa der Welt zu bieten hat.

In dieser Reihe schrieben bisher Ulrich Wilhelm (7. Juli), Paul Kirchhof (12. Juli), Thilo Sarrazin (17. Juli), Peter Gauweiler (2. August), Peter Bofinger, Jürgen Habermas und Julian Nida-Rümelin (4. August), Otfried Höffe (10. August), Hans-Gert Pöttering (14. August) sowie Colin Crouch (15. August).

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