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Martin Walser : Das richtige Europa

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Reif sind, in Feuer getaucht, gekochet
Die Frücht ..
.

Und in dem Gedicht „Friedensfeier“, das für mich das eindrucksvollste aller Gedichte geworden ist, ertönt die Zeile „Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander“.

“Versöhnender, der du nimmergeglaubt / Nun da bist ...“ - so hebt ein Gedicht aus den „Vaterländischen Gesängen“ an und nimmt dich mit, ein für alle Mal. Natürlich liest man so etwas ganz genau unzählige Male. So wird man ergriffen. Man ist dann vorbereitet auf den spätesten Nietzsche, der sich ganz zum Schluss einen „Jünger des Philosophen Dionysos“ nennt. Und in seinen „Dionysos-Dithyramben“ den höchsten Ton seiner an hohen Tönen überreichen schriftstellerischen Existenz erreicht.

Mit gutem Gewissen

Seine letzten Briefe unterzeichnet er mit „Der Gekreuzigte“ und „Dionysos“. Die berufsmäßigen Bezeichner führen das zurück auf einen „Zusammenbruch“, den sie auch damit bebildern, dass Nietzsche in Turin auf offener Straße ein Pferd geküsst habe - nicht wissend, dass schon Homer die Pferde des Achilles hat weinen lassen! Wie ich erst neulich bei Hegel gelesen habe. Und Nietzsche hat sein frühes, wildes Buch über die „Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“, in dem er unser Innenleben als einen nie enden könnenden Streit zwischen dem Apollinischen und dem Dionysischen erzählt, dieses Griechenlandbuch schlechthin, so enden lassen: „... wie viel musste dies Volk leiden, um so schön werden zu können.“

„Wir Europäer von übermorgen“: Friedrich Nietzsche
„Wir Europäer von übermorgen“: Friedrich Nietzsche : Bild: picture-alliance / dpa

Ich vergesse nicht, dass dieser griechische Segen heraufbeschworen wird, um zu belegen, wie europäisch Dichter schon immer waren. Und Nietzsche, bitte, ist von allen, die sich je in deutscher Sprache ausgedrückt haben, der europäischste. Gerade in den „Dionysos-Dithyramben“. Da schwingt er sich auf:

Noch Ein Mal brüllen,
Moralisch brüllen!
...
Europäer-Inbrunst, Europäer- Heißhunger!
Und da stehe ich schon,
Als Europäer,
Ich kann nicht anders, Gott helfe mir!
Amen!






Schon in „Menschliches, allzu Menschliches“ schärft er „den Kultur-Begriff Europäer“, und dazu rechnet er „nur alle jene Völker und Völkerteile, welche im Griechen-, Römer-, Juden- und Christentum ihre gemeinsame Vergangenheit haben“. Ob Moral, Mode, Philosophie, Politik, Religion, Kunst, alles was ihn bewegt, konjugiert er immer auch als Europäer. Es hagelt dann Böses, aber eben auch Lichtvolles. Für alles andere stehe hier der Anfang des Siebten Hauptstücks in „Jenseits von Gut und Böse“. Da heißt es: „Wir Europäer von übermorgen, wir Erstlinge des zwanzigsten Jahrhunderts - mit unserer gefährlichen Neugierde, unserer Vielfältigkeit und Kunst der Verkleidung, unserer mürben und gleichsam versüßten Grausamkeit in Geist und Sinnen - wir werden vermutlich, wenn wir Tugenden haben sollten, nur solche haben, die sich mit unseren heißesten Bedürfnissen am besten vertragen lernten ... gibt es etwas Schöneres, als nach seinen eigenen Tugenden suchen? Heißt dies nicht beinahe schon: an seine eigene Tugend glauben? ... ist dies aber nicht im Grunde dasselbe, was man ehedem sein ,gutes Gewissen’ nannte ...? in einem sind wir dennoch die würdigen Enkel dieser Großväter, wir letzten Europäer mit gutem Gewissen ... Ach! Wenn ihr wüsstet, wie es bald, so bald schon anders kommt.“

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