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Henning Mankell im Gespräch : Europa heuchelt, was die Zahlen angeht

  • -Aktualisiert am

„Wir müssen in erster Linie die Tragödie sehen“: Henning Mankell. Bild: dpa

Als Kenner Afrikas weiß der schwedische Autor, dass Flüchtlinge Lügengeschichten erfinden um zu überleben – und würde es genauso machen.

          3 Min.

          Herr Mankell, seit Jahren geht es in Ihrem Werk immer wieder um Flüchtlinge – in Theaterstücken wie „Zeit im Dunkeln“ und „Lampedusa“, aber auch in den Krimis um Kommissar Wallander. Gab es je ein bestimmtes Bild, das Sie von Flüchtlingen vermitteln wollten? Oder haben Sie im Gegenzug versucht, bestimmte Stereotype zu vermeiden?

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Jeder Flüchtling hat eine Identität und einen bestimmten Grund, aus dem er flieht. Man macht etwas falsch, wenn man Flüchtlinge nur als Flüchtlinge sieht. Man muss das Individuum betrachten.

          Aber das Problem bleibt ja. Wenn man, wie Sie es einmal getan haben, den Satz von Bertolt Brecht zitiert, nach dem man sein Publikum immer unterhalten müsse, weil man sonst nicht zur Kenntnis genommen werde, wird es besonders klar: Wie lässt sich das Thema Flüchtlinge schriftstellerisch so gestalten, dass der Leser sich unterhalten fühlt?

          Vor vielen Jahre habe ich den Roman „Tea Bag“ geschrieben, in dem es um drei Flüchtlingsmädchen aus dem Sudan geht. Über dieses Buch wurde mir oft gesagt, es sei so lustig. Und das hatte etwas damit zu tun, wie diese Mädchen sich ihrer Phantasie bedienten, um zu überleben.

          Was haben Sie getan?

          Das Mädchen namens Tea Bag wollte dem Mann, der sie in der schwedischen Ausländerbehörde befragte, ihren echten Namen nicht nennen. Und weil er Tee trank, hat sie sich eben kurzerhand „Tea Bag“ genannt. Sie hatte Grund, anzunehmen, dass ihr wirklicher Name auf ihr wahres Herkunftsland verweisen würde und dass es für sie dann schwieriger würde, hereingelassen zu werden. Ich denke, dass Situationen, die aus einem Überlebensinstinkt heraus entstehen, mitunter auch komische Züge tragen. Ich habe es nicht sehr schwer gefunden, darüber zu schreiben. Wir müssen natürlich in erster Linie die Tragödie sehen, die die Flüchtlinge erleben. Aber um solche Tragödien zu überleben, bedienen sich die Menschen auch des Humors und der Phantasie.

          Sind Sie selbst Menschen begegnet, die Ihnen in diesem Sinn Vorbilder für Ihr Schreiben waren?

          Oh ja, vielen. Ich habe in Afrika Menschen getroffen, die die ganze Zeit gelogen haben. Und ich verstehe das sehr gut.

          Inwiefern gelogen?

          Während des Bürgerkrieges in Moçambique bin ich vielen Flüchtlingen begegnet, bei denen man sofort merkte, dass sie überlegen, was sie mir am besten erzählen könnten, damit ich ihnen helfe. Sie haben gelogen und dabei gelacht, weil sie gesehen haben, dass ich das erkenne. Mit einigen von ihnen habe ich mich angefreundet. Was würde ich tun? Ich nehme an, ich würde auch lügen. Ich finde das ganz natürlich.

          Können Sie Beispiele nennen? Was haben die Leute gesagt?

          Manchmal haben sie versucht, herauszufinden, aus welchen Ländern Europa Flüchtlinge aufnimmt, und haben dann sofort gesagt, dass sie aus diesem Land kommen. Auch wenn sie nicht ein Wort in der Sprache sagen konnten, die in dem entsprechenden Land gesprochen wurde. Dann haben sie eben Gründe dafür gefunden, warum sie diese Sprache nicht beherrschten. Oft haben sie in diesen Momenten sehr lebendige Geschichten erzählt.

          Haben Sie diese Mechanismen in Ihrem Schreiben übernommen?

          Ich habe zumindest verständlich zu machen versucht, wie normal das ist – dass man lügt, wenn man um sein Leben fürchtet. Es wäre sogar dumm, dann nicht zu lügen.

          Sie haben lange in Moçambique gelebt, wo Sie mitgeholfen haben, ein Theater aufzubauen. Genauso wie die Anrainerstaaten Syriens heute gab und gibt es viele afrikanische Länder, die im Verhältnis zu ihrer Einwohnerzahl deutlich mehr Flüchtlinge aufnehmen müssen als Europa. Woran könnte es liegen, dass sich Länder außerhalb Europas damit scheinbar leichter tun?

          Ich glaube, dass es in Europa viel Heuchelei in der Art gibt, wie gezählt wird. Auf fünfhundert Einwohner kommt hier vielleicht ein Flüchtling, das ist sehr wenig. Die meisten Flüchtlinge gehen von einem armen Land in ein anderes. Es ist also schon geheuchelt, wenn man sagt, wir würden von Flüchtlingen geflutet – das werden wir nicht.

          Aber woher kommt dieses Gefühl, geflutet zu werden?

          Europa ist gespalten über die Frage, was es bedeutet, diese Leute aufzunehmen. Wir wissen, dass wir die meisten dieser Leute brauchen. Hier werden zu wenig Kinder geboren. Wer kümmert sich um uns, wenn wir alt sind?

          Es hat vielleicht auch damit zu tun, dass man von den Flüchtlingen um Syrien herum ohnehin annimmt, dass sie zurückgehen wollen, sobald sie können. Wohingegen man hier davon ausgeht, dass sie langfristig bleiben.

          Das ist eine Perspektive. Es gibt noch mehr Gründe: Im Nahen Osten haben sie dieselbe Kultur, dieselbe Religion, dieselbe Sprache. Es ist leichter, sich jemandem nah zu fühlen, mit dem man Gemeinsamkeiten sieht.

          Europa ist ganz anders. Ich kann nicht beurteilen, ob die Flüchtlinge in den arabischen Staaten wieder zurückgehen wollen, aber auch wir in Deutschland und Schweden sind so schnell damit, sie zu assimilieren, ihnen Arbeit zu geben. Es ist hier auch leichter für sie, die Vergangenheit zu vergessen. Wir leben in einer Welt der Flüchtlinge, so ist es eben. Und wir erleben jetzt erst den Anfang. Wir werden bald die Klimaflüchtlinge kommen sehen. Ich lebe vielleicht nicht mehr lange genug, um das zu erleben, aber es wird kommen.

          Wie wird über die Lage eigentlich in Schweden diskutiert?

          Im Verhältnis zur Zahl seiner Einwohner nimmt Schweden fast so viele Flüchtlinge auf wie Deutschland, es steht an zweiter Stelle. Das rechte Lager sagt dazu im Moment gar nichts. Sie haben verstanden, dass sie sich jetzt ruhig verhalten müssen. Aber was sie in zwei, drei Monaten sagen werden, weiß niemand. Man darf sich keine Illusionen machen.

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