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Russland und das Baltikum : Wenn die Angst blind macht

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Das Stadtzentrum der lettischen Hauptstadt Riga: Anfang der 90er-Jahre glaubten die baltischen Länder noch an ein europäisches Russland. Bild: dpa

Nach dem Anschluss der Krim herrscht im Baltikum Panik. Die Menschen verwechseln die Situation heute mit der Lage bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.

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          Im Tallinn meiner Großmutter, 1945, wartete man auf ein großes, weißes Schiff. Seit der Zeit der Kreuzritter war man in Estland davon überzeugt, dass nach viel Krieg und Hunger die Befreiung in Gestalt eines großen, weißen Schiffes kommen würde.

          Alle, die in Estland übrig geblieben und nicht zusammen mit den Deutschen geflohen oder von den Sowjets verhaftet worden waren, betäubten sich mit diesem Glauben: Die Amerikaner und Briten würden die baltischen Länder schon nicht in Stalins Hände fallen lassen. Sie würden kommen, per Schiff, vielleicht sogar mit einem weißen, und alles würde wieder so, wie es 1939 war.

          Das Schiff kam nicht. Die Staaten verschwanden, aber die nationalen Gemeinschaften überlebten irgendwie. Mit der Sowjetmacht lernten die Balten auszukommen, nur ließ sie das innere Gefühl nicht los, dass sie wie Tiere an Stalin verkauft worden waren. Offiziell gab es keine Wortmeldung zu diesem Verkauf, nur im Dunklen wurde über die Sowjets geflüstert. Aber auch wenn dabei die Wahrheit von Mund zu Mund ging – dass niemand auf dem weißen Schiff kam, wurde nicht einmal im Geheimen ausgesprochen.

          Das Kind, das aus dem brutalen Elternhaus flüchtet

          Seit dem Anschluss der Krim an Russland wird diese Wortlosigkeit nun durch eine dramatische Sprache ersetzt, in der Volksgeschichte, Dämonologie, Selbstzweifel und Angst gären. Ob in Lettland, Estland oder Litauen: seit 1991 gab es zunächst keine offizielle Angst, in Osteuropa nicht und wohl nicht in der ganzen Welt. Man erwartete ein europäisches Großrussland, das westliche Normen übernehmen und langsam ein Teil von Europa werden würde. Dass die Dinge anders liefen, blieb lange unsichtbar.

          Genauso, wie ein Junge das Haus seiner Eltern verlässt, in dem er misshandelt wurde, und glaubt, durch seine Flucht auch seinem Trauma entkommen zu sein, umarmten die baltischen Länder den Westen, ohne zurückzublicken – ein großer Fehler, weil damit auch alle Schäden und Verletzungen unbehandelt zurückblieben.

          Ängste, an die niemand rührte, die nur von oberflächlicher Rationalität erfasst oder von Dämonen gefangen wurden, die allenfalls momentweise aus dem Bedürfnis nach einem großen, emotionalen Statement hervorbrachen.

          Grand Prix für politische Legitimität

          Doch gerade entrollen sich zwei gleichzeitige Ereignisketten: Während das neugeborene Russland durch Überreste des KGB beschlagnahmt wird und als Staat seine europäischen Wurzeln verleugnet, träumen die baltischen Länder und wohl auch der ganze Westen einen süßen Traum: den Traum von ihrer Opferrolle und dem Gewinn des Grand Prix für politische Legitimität.

          Das aber ist fahrlässig. Erstens macht es einen schwindlig, sich selbst nur als Opfer zu sehen; und zweitens wird es die ehemaligen Sowjetrepubliken als selbständige Staaten früher oder später doch noch kollabieren lassen, wenn man vor der Wahrheit die Augen verschließt.

          Ich wohnte während der neunziger Jahre in Schweden, man feierte die neue Freiheit Osteuropas und wunderte sich, warum die Osteuropäer nicht von ganzem Herzen mitfeierten. Für die Schweden blieb es unsichtbar: Obwohl sie nun denselben politischen Raum wie der Westen betraten, bewegten sich die Osteuropäer darin mit unreinem Bewusstsein, mit einer ungeklärten Geschichte ihrer selbst und mit einer weiterhin stockenden Sprache, die ihre Wunden nicht zu fassen bekam.

          Das Baltikum umarmt den Westen, ohne zurückzublicken: Lettlands Außenminister Edgars Rinkevics Anfang März mit seinem deutschen Amtskollegen Frank-Walter Steinmeier.

          Die Staaten beschäftigten sich mit ihrer West-Allianz und wesentlich weniger mit ihren eigenen Menschen: Für die baltischen Republiken war es viel wichtiger, Sicherheit zu gewinnen durch die Mitgliedschaft in der Nato und der Europäischen Union. Die Bevölkerung verließ die Staaten langsam, aber beharrlich. Der Hunger, sichtbar zu sein, hatte zu lange gedauert – jetzt ging es den Leuten um sich selbst.

          Strukturen ohne sicheres Fundament

          Über alle Menschen und deren Irrungen herrscht ein Staat, von Menschen selbst geschaffen. Dieser Staat braucht für seine Existenz vieles, vor allem aber eine starke Struktur, sonst wird er in Krisen zerfallen. Und Krisen kommen immer.

          Es gibt nun einen deutlichen Unterschied zwischen den baltischen Völkern und den Finnen: Ränke schmieden können sie alle, das politische Spiel ist genauso verhext wie überall. Aber die Finnen haben eine gesündere Technik der Selbsterhaltung: Wenn die Strukturen des Staates schwächeln, ziehen sie sich sofort, fast reflexartig, zusammen und stärken ihren Staat.

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