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Hans-Werner Sinn : Renoviert das Bad, und werdet mündige Bürger!

Es wird noch ungemütlich: die deutsche Durchschnittsfamilie in Ostfriesland

Die Banken und Versicherungen sind ganz eindeutig für diesen Kurs, denn sie haben noch so viele Assets in diesen Ländern, dass jedwede Rettungsstrategie aus ihrer Sicht zu wünschen ist. Sie wollen auch nicht direkt gerettet werden, denn das würde ja bedeuten, dass der Staat Miteigentümer bei ihnen wird. Aus der Sicht des Steuerzahlers hingegen ist es zehnmal billiger, die Banken direkt zu retten als sie indirekt zu retten, indem wir Steuergelder einfach in die Welt verteilen, damit ein bisschen davon wieder zurückkommt.

Was heißt das nun alles für Deutschland? Der Rest dieses Jahrzehnts, so sieht es Sinn, wird für Deutschland in gewisser Weise ein goldenes. Wir würden zwar Teile unseres Vermögens verlieren, doch hätten wir genug Arbeit. Denn man dürfe nicht übersehen, dass die Krise für Deutschland zunächst einmal den großen Vorteil habe, dass sie mit der Umlenkung der Kapitalströme einhergehe. „Man weiß jetzt, wie riskant es ist, im Ausland anzulegen, und man sucht wieder die sichere, wenn auch niedrig verzinste Anlage in Deutschland. Deshalb ist der Bauzins heute der niedrigste in der Geschichte Deutschlands, und wir haben einen Bauboom.“

Demographische Probleme

Im nächsten Jahrzehnt jedoch kommen die demographischen Probleme. „Die Babyboomer sind heute etwa 47 Jahre alt, in 13 Jahren sind sie 60, das wäre also 2025, und dann gehen sie sukzessive in die Rente. Und 2030 sind die allermeisten in der Rente. Der Übergang wird extrem schwierig für Deutschland. Die offenen Staatsschulden werden von den wenigen Nachkommenden nicht mehr getragen werden können. Und jetzt wird auch noch die Hoffnung enttäuscht, dass die private Lebensversicherung ein zweites, solideres Standbein ist.“

Das heißt, der Lebensstandard im Alter, den man sich ausgemalt hat, mit seinen Beiträgen zur Rentenversicherung, mit seinen Sparleistungen, kommt nicht zustande. Aus demographischen Gründen nicht und auch nicht wegen der Schuldenkrise. Wenn eine Gesellschaft zu wenig Humankapital bildet, muss sie Realkapital an seine Stelle setzen. Sie muss sparen. Und jetzt stellen wir fest: Diese Ersparnis verpufft, weil sie in Staatspapieren südlicher Länder angelegt ist oder aus Forderungen gegen die Bundesbank besteht, die selbst wieder Forderungen gegen marode Notenbanken der Südländer sind.

Eine ausweglose Situation? Sinn wäre kein Ökonom, wenn er das bejahen würde. Die einzigen Auswege, die bleiben, sind aber längere Lebensarbeitszeiten, Kapitalbildung vornehmlich in Deutschland, Kinder und Immigration. Was wäre also den eigenen Kindern zu raten? „Gewiss nicht, das Land zu verlassen. Das Kapital der Welt kommt nach Deutschland und in die Schweiz, weil wir noch ein vernünftiges Rechtssystem haben, weil wir eine industrielle Basis haben, weil wir ein hervorragendes Berufsausbildungssystem haben für die jungen Leute, das die Straßenkriminalität und Unruhen klein hält.“

Also hierbleiben und sparen? „Ja, aber nicht irgendwie sparen, sondern in Form echter Eigentumstitel wie Aktien oder in Objekten, die einem gehören, am besten solchen mit einem Grundbuch. Konzentration auf das naheliegende Unmittelbare: lieber das Bad renovieren als komplizierte Zertifikate kaufen. Ansonsten aber wäre auch zu raten: Werdet mündige Bürger und lasst das nicht alles mit euch geschehen. Denn ihr seid es ja, die das kurzfristige Denken langfristig werdet ausbaden müssen.“

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