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Hans-Werner Sinn : Renoviert das Bad, und werdet mündige Bürger!

Es gebe zwar Ansteckungseffekte. Aber man müsse die daraus resultierenden Gefahren mit dem Risiko der Dauerfinanzierung dieser Länder vergleichen. „Ich halte Erstere für überschaubar und Letztere für riesig, denn die Summen, um die es geht, sind riesig. Griechenland hat inklusive der Target-Kredite und des Schuldenerlasses inzwischen etwa 460 Milliarden Euro erhalten. Das Nettonationaleinkommen dieses Landes liegt bei 170 Milliarden Euro jährlich. Man hat also das Zweidreiviertelfache des Nettonationaleinkommens gegeben. Oder ein anderer Vergleich: Wollte man einen Marshallplan aufsetzen, der relativ zum BIP genauso groß ist wie damals der deutsche, dann könnte Griechenland vier Milliarden Euro erhalten. Tatsächlich hat Griechenland 116 Marshallpläne erhalten.“

Am irischen Beispiel, so Sinn, sei überdies sehr deutlich zu sehen, dass die Kapitalmärkte die Krisenländer nicht in einen Topf werfen, wie es die Ansteckungstheorie suggeriert. „Irland hat seit Juli letzten Jahres eine andere Kursentwicklung bei seinen Staatspapieren gehabt, weil es Irland gelungen ist, von seinen hohen Leistungsbilanzdefiziten wegzukommen.“ Irland hat nämlich als einziges Land die Preise tatsächlich gesenkt: in den letzten fünf Jahren relativ zu seinen Wettbewerbern im Euroraum um genau 15 Prozent. Das könne an der starken Exportlobby in Irland und an der Schwäche der dortigen Gewerkschaften gelegen haben. Doch der wichtigste Grund war die Gnade der frühen Krise, der Umstand, „dass Irland bereits 2006, zweieinhalb Jahre vor den anderen Krisenländern, in Schwierigkeiten kam und dass es damals noch keine Rettungsschirme gab. Irland musste sich selbst helfen.“

Die Zweideutigkeit von „Geschenk“ und „retten“

Die bittere Wahrheit, um die niemand herumkommt, ist für Sinn, dass eine Exportindustrie nur entsteht, wenn man sich das Geld selbst verdienen muss, um die Importgüter zu kaufen. „Man kann Ländern nicht durch Geldgeschenke helfen. Das hat ein griechischer Minister vor kurzem sehr deutlich in einem F.A.Z.-Interview gesagt, als er erläuterte, dass die EU mit ihren Hilfen die Exportindustrie des Landes zerstört hat. Geldgeschenke erzeugen immer nur Lebensstandard unter Vernichtung von Wettbewerbsfähigkeit.“ Ökonomen nennen dieses Phänomen die „holländische Krankheit“, denn in Holland war einst die Exportindustrie geschädigt worden, weil Gasfunde zu einer Aufwertung ihrer Währung geführt hatten.

Und so, wie das Wort „Geschenk“ zweideutig ist, ist es auch das Wort „retten“. Zum Beispiel wird gesagt, wir retteten Griechenland. Sinn erlaubt sich die Frage, ob wir wirklich retten, und wenn ja, wen? „Retten wir die Griechen? Was wir auf jeden Fall retten, sind Vermögensportfolios. Deswegen jubelt die Wall Street.“

In Deutschland stehe hinter diesem „Retten“ die deutsche Vergangenheit. Wir Deutschen können nur in Europa eine Zukunft finden. Mit der Paradoxie, dass die gute Absicht, Europa zu stärken, ins Gegenteil umschlägt.

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