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Hans-Werner Sinn : Renoviert das Bad, und werdet mündige Bürger!

So weit die Ökonomie, aber was heißt das politisch? Sinn wird es „mulmig“, wenn er daran denkt, dass gerade seine Kinder und Enkel zu Gläubigern der Südländer gemacht werden, die auf politischem Wege von Italienern und Griechen das verliehene Geld eintreiben müssen. „Das kann ich mir nicht als friedlichen Prozess vorstellen. Mein Europa war eigentlich eines der guten Nachbarschaft, wo man sich auch mal hilft, wo man ordentlich miteinander umgeht, freundlich sich besucht, in Austausch tritt. Keines, in dem man mit seinen Freunden ungeheure Schuldverhältnisse eingeht.“

Sinn findet es darum auch nicht richtig, einen Sparkommissar nach Griechenland zu schicken. „Damit ziehen wir nur den Hass auf uns. Statt Verhaltensmaßregeln zu geben, sollten wir einfach die öffentlichen Kredite begrenzen, die in Wahrheit ohnehin bloße Geldgeschenke sind.“ Im Übrigen wäre es viel besser gewesen, wir hätten das Geld selbst geschenkt, statt eine Einrichtung in Europa zu schaffen, in der kollektiv über Mehrheitsbeschlüsse das Geldschenken erzwungen wird und wir, weil uns die Summen zu hoch sind, als die Bösewichte dastehen. „Hätten wir aus eigenem Antrieb Marshallhilfen organisiert, wären wir die Helden.“

Was also wäre zu tun? Es gibt für Sinn nur eine Chance für Griechenland, wieder wettbewerbsfähig zu werden: raus aus dem Euro und abwerten. „Wir haben nach dem Krieg viele Dutzende Staatskonkurse mit Abwertungen gehabt, und fast immer war die Abwertung das Erfolgsrezept. Es gibt dann im Übergang Schwierigkeiten, es gibt den Sturm auf die Banken, denn die Leute räumen, wenn sie das riechen, ihre Konten leer. Doch selbst wenn sie all ihr Bargeld außer Landes schaffen, ist das nichts im Vergleich zu den Rettungskosten.“

116 Marshallpläne für Griechenland

Nach dem Austritt wertet die Drachme dann automatisch gegenüber dem Euro ab, und Griechenlands Wirtschaft beginnt zu wachsen. „Die Griechen kaufen nämlich wieder ihre eigenen Tomaten und das eigene Olivenöl, die Touristen fahren nicht mehr in die Türkei, sondern nach Griechenland, und vor allem kommen die reichen Griechen aus der Schweiz und sonst wo zurück, um sich in Griechenland billig einzukaufen und Firmen zu errichten.“ Die Schwierigkeiten dauern, erläutert Sinn unter Hinweis auf den Konkurs und die Abwertung Argentiniens, nicht einmal ein Jahr. In dieser Zeit könne man Griechenland unterstützen.

In Griechenland seien solche Erwägungen aber politisch tabu, weil die Griechen wüssten, dass sie, wenn sie im Euro bleiben, weiter gestützt werden müssen, und die Banken in Euro verschuldet sind. Die EU liebe solche Überlegungen auch nicht, weil sie die Transferunion nur dann erzwingen könne, wenn der Austritt zum Super-Gau stilisiert wird.

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