https://www.faz.net/-gsf-70ju2

Hans-Werner Sinn : Renoviert das Bad, und werdet mündige Bürger!

Geld, das vor allem den Konsum diente

Auch die amerikanischen Target-Salden sind in der Krise zunächst angewachsen, aber mittlerweile sind sie bis auf 21 Milliarden Dollar getilgt. In der Eurozone stehen stattdessen 947 Milliarden Euro auf der Kreidetafel, und die Summe wuchs in letzter Zeit progressiv. Das Eurosystem wird durch die Umfunktionierung der Ersparnisse der Deutschen, Holländer und Finnen gerettet, „leider“, fügt Sinn hinzu, „ohne dass die Sparer oder ihre Abgeordneten das überhaupt wissen oder verstehen“.

Also halten wir diese Länder wirtschaftlich am Leben und über Wasser mit den Ersparnissen der Minderheit. Sinns Zukunftsszenarien sind unerfreulich: „Irgendwann kann es dann auch dazu kommen, dass die Schuldnerländer sagen: ,Es sind jetzt so viele Schulden, was wollt ihr denn machen, wollt ihr ein Kriegsschiff schicken, um sie einzutreiben? Wir können nicht zurückzahlen. Also müsst ihr sie uns streichen, wie jetzt im Falle Griechenlands.’ Und um dann den Kollaps von Staaten wie Italien zu verhindern, wird man Transfersysteme einrichten in Europa, die also eine laufende Finanzierung dieser Schuldenlasten ermöglichen.“

Ein Teil des Problems liegt für ihn auch darin, dass sehr viel Geld in die Südländer geflossen ist, das dort vor allem dem Konsum diente. „In Spanien hat man wenigstens noch in die Infrastruktur investiert. Aber in Griechenland? Hätte man das in die Infrastruktur investiert, dann wäre die Produktivität gestiegen und dann hätten die Griechen vielleicht auch wettbewerbsfähige Preise und könnten ihre Waren verkaufen. Das haben sie aber eben nicht. Sie sind unter dem Euro viel zu teuer geworden.“

Griechenland müsste um 37 Prozent billiger werden, um mit der Türkei gleichzuziehen. Weil die Einkommen hoch und die Exporte teuer waren, hat man sich aufs Importieren statt aufs Exportieren verlegt. Die Talente sind von der Exportwirtschaft ins Importgewerbe gewandert. „Das ist im Übrigen heute die starke Lobby, die auch verhindert, dass das Land wettbewerbsfähig werden kann, denn um wettbewerbsfähig zu werden, muss man billiger werden. Bei gegebenen Lohn- und Zinskosten geht das nur, wenn man die Produktivität verbessert, und bei gegebener Produktivität nur, wenn die Lohn- und Zinskosten fallen. Beides ist nicht einfach, die Steigerung der Produktivität dauert viele Jahre. Und über Lohnkürzungen billiger zu werden, stößt auf den erbitterten Widerstand der Gewerkschaften. Man bedenke: In Deutschland sanken zwischen 1929 und 1933 die Preise um 23 Prozent. Man weiß, was dann los war.“

Es gilt die Formel: „Zeit kaufen“

Das geht also überhaupt nicht. Und stattdessen? „Was ich schrecklich finde ist, dass die Europa-Politiker die Illusion wecken, es gäbe hier eine Lösung für Griechenland im Euroraum, wo sie objektiv nicht existiert. Ich glaube, viele wecken die Illusion auch nur aus einem Grunde: Sie brauchen die Griechen als Geisel, damit die Rettungsgelder weiter zur Bedienung der immer noch ausstehenden Staatspapiere fließen. Die Politik verkündet das Dogma, dass jedes Land mit Hilfskrediten im Euro gehalten werden muss, obwohl es nicht wettbewerbsfähig ist, weil sonst angeblich Europa untergeht.“ Das stehe in Wahrheit hinter der Formel „Zeit kaufen“ - es wird Zeit gekauft für die jetzigen Eigentümer dieser Papiere.

Weitere Themen

Topmeldungen

Neue Prognosen : Wird die Pkw-Maut zum Minusgeschäft?

Interne Zahlen aus dem Verkehrsministerium zeigen: Aus den erhofften 500 Millionen Euro wird wohl nichts – schuld sind Veränderungen in der Fahrzeugflotte. Die Grünen geißeln das Lieblingsvorhaben von Verkehrsminister Scheuer als „ teures und sinnloses Stammtischprojekt“.
Die Große Koalition erzielt in der Nacht auf Montag einen Kompromiss bei der Grundsteuer (Archivbild von Angela Merkel (CDU) und Olaf Scholz (SPD)).

Große Koalition : Union und SPD einigen sich bei Grundsteuer

Schon beim ersten Koalitionsausschuss mit neuer Besetzung erzielt die Bundesregierung einen Kompromiss. Ist das Ausdruck einer neuen Handlungsfähigkeit? Etliche Streitpunkte können jedenfalls nicht gelöst werden.
Suchen nach Kraft und Mut: Anne Will diskutiert mit ihren Gästen (hier Franziska Giffey und Volker Bouffier) den Zustand der Großen Koalition.

TV-Kritik „Anne Will“ : Kein Mut in Sicht

Deutschland driftet auseinander: Im Westen wird das Land grün, im Osten blau. Bei Anne Will geht es darum, ob die Bundesregierung noch den Willen und die Kraft hat, mit überzeugender Politik zu antworten. Das Ergebnis der Debatte ist ernüchternd.

Rückkehr nach Dortmund? : Hummels passt ins BVB-Konzept

Es wäre ein wahrer Transfercoup: Gleich aus zwei Gründen aber würde ein Wechsel von Mats Hummels zur Borussia Sinn ergeben. Und eigentlich spräche einer dagegen – oder nicht?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.