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Asylbewerber in Großbritannien : Das Kompetenzproblem

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Calais ist das Nadelöhr, durch das Flüchtende die britische Insel erreichen wollen. Bild: Reuters

Großbritannien sperrt sich gegen die Aufnahme von Flüchtlingen und die EU ist sich uneinig wie selten zuvor. Dabei ist Zuwanderung wegen der sinkenden Bevölkerungszahlen im globalen Westen oft sogar notwendig.

          Von 1977 bis 1995 war Jacques Chirac Bürgermeister von Paris, und danach sollte er bis 2007 Frankreich als Präsident regieren. Schon im Juni 1991 beklagte er das Schicksal seiner Nation, die auf „selektive Einwanderung“ umschalten müsse: „Nicht Ausländer sind unser Problem, sondern ihre Überdosierung ... Es macht einfach weniger Probleme, Arbeiter aus Spanien, Polen und Portugal bei uns zu haben als Muslime und Schwarze ... Ein französischer Arbeiter mit seiner erwerbstätigen Frau hat 15 000 Franc und sieht im Treppenhaus eine Familie mit Vater, drei bis vier Frauen und zwanzig Sprösslingen, die zusammen 50 000 Francs als Sozialhilfe beziehen. Wenn man dann noch den Lärm und den Geruch hinzunimmt, muss der französische Arbeiter einfach ausrasten ... Es ist keineswegs Rassismus, das anzusprechen. Wir haben einfach nicht mehr die Mittel, um die Familienzusammenführungen zu bezahlen.“ Europaweit empörten diese Sätze, und Frankreich zahlte weiter.

          Am 9. August 2015 sagte der britische Außenminister Philip Hammond in einem Interview, das im Duktus eigenständig war, sich in der Sache aber eng an Chirac orientierte: „Solange zu allem entschlossene Migranten in Calais marodieren, ist der Tunnel bedroht ... Diese Situation halten wir nicht durch. Europa kann sich nicht schützen. Es kann seinen Lebensstandard und seine sozialen Errungenschaften nicht bewahren, wenn es Millionen afrikanische Migranten absorbieren muss.“ In Frankreich ist man moralisch zutiefst erschüttert über Großbritannien, dessen Premierminister David Cameron die Migranten sogar mit dem Skandalwort „Schwarm“ belegt hat. Als schändlich gelten Camerons Sorgen auch in Deutschland, wo man allein für 2015 eine halbe Million Flüchtlinge erwartet. Was seien dagegen die 24 000 Asylanten, die 2014 England erreicht haben? In Calais strebten lediglich 3000 Menschen in den Kanaltunnel, während man in Deutschland pro Woche 10 000 Fremde aufnehme.

          Lebenserwartung in Afrika steigt

          Seit 1991 hat sich viel geändert. So kletterte die Bevölkerung in Afrika von damals gut 600 Millionen auf heute knapp 1,17 Milliarden. Für 2050 werden 2,4 Milliarden erwartet. Heute sollen aus dem afrikanisch-arabischen Raum rund 540 Millionen Menschen auswandern wollen, im Jahr 2050 wären es 950 Millionen, falls die 2009 erhobenen Wanderungswünsche (aus der Subsahara wollten 38 Prozent der dortigen Einwohner weg, im arabischen Bogen immer noch 23 Prozent) sich nicht intensivieren.

          Besonders aufschlussreich für die Prognose zukünftiger Wanderungen sind jene Afrikaner, die heute jünger als achtzehn Jahre sind. Allein im Subsahara-Raum umfasst ihre Zahl jetzt 540 Millionen, während für 2050 eine Milliarde erwartet wird. Bei den Kindern unter fünf Jahren sollen dann bereits zwei Fünftel der Menschheit aus Afrika stammen. Das liegt nicht allein an der dortigen Geburtenraten von immer noch durchschnittlich 4,7 pro Frau (in Deutschland 1,4), sondern auch an der fallenden Kindersterblichkeit. Die stetig verbesserte medizinische Versorgung soll die durchschnittliche Lebenserwartung in Afrika von 45 Jahren (1970) über derzeit sechzig bis auf siebzig im Jahr 2050 heben.

          England verliert Bevölkerung

          Vor acht Jahren – in Subsahara-Afrika gab es damals 790 Millionen Einwohner – wollte der französische Präsident Nicolas Sarkozy die Europäische Union auf einen gemeinsamen Kurs zur Abschottung ihrer Außengrenzen einschwören. Er scheiterte. Jetzt – die Bevölkerung von Subsahara-Afrika beträgt mittlerweile 910 Millionen – will David Cameron den illegalen Zuzug auf die Britischen Inseln unterbinden. Er will nicht scheitern, weil er die im kommenden Jahr anstehende Volksabstimmung über ein Verbleiben seines Landes in der EU fürchtet.

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          England kann aufgrund seiner Insellage Illegale durch Einsatz von Staatsgewalt zurückhalten und deren Gegendruck ins Leere laufen lassen. Die britische Politik aber dürfte auch andere, vor allem osteuropäische EU-Mitglieder weiter ermutigen, sich gegen die ihnen zugedachten Aufnahmequoten zu wehren. Für die westeuropäischen Mitgliedstaaten müssten die Quoten dann entsprechend hochgefahren werden.

          London will Kompetenzfestung werden

          Wer dort auf ein Einknicken Londons hofft, übersieht ein anderes britisches Problem. Kein westeuropäisches Land verliert mehr eigene Einwohner als Großbritannien. Dabei geht es gar nicht um die gut 600 000 britischen Ruheständler, die mittlerweile in Südeuropa leben. Schmerzhafter ist der Verlust jener 2,3 Millionen, die in den ehemaligen Kronkolonien Australien, Kanada und Neuseeland ansässig sind. Diese drei nationalen Kompetenzfestungen (ihre Grenzen stehen nur offen für Könner) streben zusammen bis 2050 einen Bevölkerungszuwachs von rund 25 Millionen an. Am kühnsten träumt dabei Australien, das bei einer derzeitigen ungenügenden Geburtenrate von 1,77 von 24 auf 35 Millionen Einwohner kommen will. Kanada (Geburtenrate von 1,59) strebt von 36 auf fünfzig Millionen, Neuseeland (Geburtenrate von 2,05) von 4,5 auf fünf Millionen.

          Sieht man also im alten Mutterland den gewünschten Lebensstandard und Frieden in den Städten in Gefahr, stehen anderswo sichere Häfen bereit. Allerdings nur für Qualifizierte, vor deren Abwanderung London zu Recht zittert. Deshalb will es jetzt selbst Kompetenzfestung werden. Falls die Britischen Inseln ihre Attraktivität für die eigenen Leistungsträger zurückgewännen, würden sie auch für unzufriedene Alteingesessene auf dem Kontinent interessant, womit dort wiederum das Auseinanderdriften von Unbeweglichen und Leistungsträgern erst richtig Fahrt aufnehmen dürfte.

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