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Stimmung in Griechenland : Das laute Sterben einer Gesellschaft

  • -Aktualisiert am

Ein Riss geht durch dieses Volk: eine Teilnehmerin der griechischen Pro-Euro-Demonstration vom vergangenen Dienstag. Bild: Imago

Ein Land im Ausnahmezustand, eine Bevölkerung ohne Sicherheiten: Griechenland verliert vor der morgigen Volksabstimmung die letzten Reste seines Zusammenhalts.

          6 Min.

          Der Filmemacher Theo Angelopoulos hat seinen griechischen Landsleuten 1995 mit „Der Blick des Odysseus“ eine warnende Allegorie geschenkt. Ein Taxifahrer hält während der Fahrt vom nordgriechischen Florina nach Albanien auf einer verschneiten Bergstraße des Pindos-Gebirges an. Zusammen mit seinem Fahrgast, einem Filmregisseur, blicken beide zunächst stumm in die einsame stürmische Landschaft. „Weißt du was? Wir sterben als Volk, unser Kreis schließt sich. Wir stehen, ich weiß nicht wie viele tausend Jahre, zwischen Steinen und Statuen - und wir sterben“, sagt der Taxifahrer in leisen, aber dramatisch betonten Worten. Er steigt aus, stapft in den hohen Schnee und schreit beschwörend: „Aber wenn wir schon sterben müssen, dann soll es schnell gehen. Denn die Agonie ist zu lang und sehr laut.“

          Für die Rolle des Taxifahrers wählte Angelopoulos einen volksnahen Schauspieler, den 2011 verstorbenen Thanassis Vengos. Beide, Vengos und Angelopoulos, waren auf jeweils eigene Art Chronisten ihres Heimatlandes. Der im Januar 2012 während der Dreharbeiten zu einem Film über die Schulden- und Flüchtlingskrise durch einen Unfall umgekommene Angelopoulos glänzte durch tiefsinnige epische Filmszenen, in denen er die Missstände Griechenlands und der Balkanregion einem internationalen Publikum ans Herz legte. Vengos stellte wie ein griechischer Louis de Funès in humoristischer Weise die Eigentümlichkeiten der modernen Hellenen dar. Doch beide Warner konnten nicht verhindern, dass der Kreis geschlossen wurde.

          Für das eigene Geld Schlange stehen

          Seit vergangenem Dienstag ist Griechenland das erste Land der wirtschaftlich entwickelten Welt, das einen Kredit des Internationalen Währungsfonds nicht abzahlen konnte. Es reiht sich damit in eine Reihe ein mit Somalia, Sudan, und Zimbabwe, die ebenfalls ihre Kredite nicht abgelöst haben. Die griechischen Banken sind geschlossen. Pro Kopf und Tag können sechzig Euro an Bankautomaten abgehoben werden - sofern der Automat noch Geld hat. Es gibt Rentner, die vor den Automaten anstanden und in der sommerlichen Hitze Herzinfarkte erlitten haben.

          Für die griechischen Rentner sind die Zustände untragbar.

          „Wie soll ich die Pflegerin meiner Schwester bezahlen? Die will jetzt ihr Gehalt, sonst ist sie weg. Meine Schwester stirbt ohne Pflege. Stimmt alle mit Ja zu Europa. Schickt Tsipras zum Teufel“, schreit eine Rentnerin in Kolonaki, einem der reicheren Viertel Athens, vor einem Bankautomaten. Vor einem anderen im ärmeren Kipseli hat eine junge Dame gerade Geld abgehoben. Sie hält die Scheine demonstrativ hoch, es sind zwei Zwanziger: „Ich brauche nur vierzig Euro. Die zwanzig, die ich nicht nahm, sind nun für jemand anderen drin. Beruhigt euch“, versucht sie das aufgeregte Dutzend noch wartender Leidensgenossen aufzumuntern. Nichts ist in diesen Tagen frustrierender, als nach dem Schlangestehen leere Geldautomaten vorzufinden. Manchen Zeitgenossen widerfährt das mehrfach. Übler dran sind nur solche Menschen, hauptsächlich Rentner, die gar keine Bankkarte haben.

          Das Ende Griechenlands, wie wir es kennen

          Für sie, und nur für sie, wurden von Mittwoch an die Banken geöffnet. Es gab 120 Euro pro Kopf. Am frühen Dienstagmorgen herrschte noch Ungewissheit. Eine schwarzgekleidete, vom Alter gebeugte Seniorin klagte da vor einer verschlossenen Bank: „Was soll ich nur tun? Ich kann noch nicht mal Milch oder Brot kaufen.“ „Bitte, Oma, sorge dich nicht“, antwortete ein knapp vierzigjähriger Mann mit einer sanften Betonung des Wortes „Oma“, als wäre die Frau seine eigene Großmutter. Er steckte der Alten einen Zwanzig-Euro-Schein in die Hand und verschwand, bevor sie sich bedanken konnte. Solche Beispiele für Altruismus und Solidarität waren in den letzten Jahren immer seltener geworden.

          Stehen die Griechen bald vor verschlossenen Apotheken? In Athen werden einzelne lebenswichtige Medikamente bereits jetzt knapp.

          Griechische Urlauber und Studenten im Ausland können ihre Kreditkarten nicht mehr benutzen und stranden mittellos in fremden Ländern. In Athen werden einzelne lebenswichtige Medikamente bereits jetzt knapp. Die Pharmahändler verlangen Vorkasse - in bar. In diesem Klima der Angst strebt die seit fünf Jahre andauernde griechische Finanzkrise auf einen neuen Höhepunkt hin. Das Referendum am morgigen Sonntag wird das Griechenland, wie wir es kennen, ein für alle Mal verändern - egal, wie es ausgeht. Für die Gegner der aktuellen Koalitionsregierung in Athen ist die Situation im Land gleichbedeutend mit unauslöschlicher Schmach und Schande, gar mit dem wirtschaftlichen Tod des Landes. Sie bewerten den Volksentscheid als Putschversuch von Ministerpräsident Tsipras. Die Furcht geht um, dass Griechenland nicht nur aus dem Euro, sondern auch aus der EU ausgeschlossen wird.

          Mehrere Massendemonstrationen täglich

          Die Nerven liegen blank. Eine hagere, hochgewachsene Rentnerin vor dem Finanzministerium entdeckt die dort wartende Journalistenschar. Der Minister Giannis Varoufakis ist ein paar Stockwerke höher in seinem Büro, in wenigen Minuten soll hier eine Rentner-Demonstration von der kommunistischen Gewerkschaft Pame beginnen. Die Hagere sieht eine Gelegenheit, ihrem Ärger Luft zu verschaffen. „Varoufakis, du Verräter“, brüllt sie, den ausgestreckten Arm gen Himmel hebend. Sie will, dass Griechenland Euro und EU aufgibt: „Mein Vater wurde von den Deutschen erschossen, meinem Onkel haben sie die Fingernägel zur Folter gezogen. Nun sollen wieder Deutsche über mein Volk urteilen? Nein!“ Wie aus dem Nichts eilt ein junger Mann herbei: „Du alte Hexe, hau ab! Deine wirren Reden gefährden meine Zukunft“, herrscht er die Frau mit schneidender Stimme an. In Windeseile aber sammeln sich weitere Rentner um sie und drohen, den jungen Mann zu lynchen.

          Mittlerweile Tagesordnung: Rentner demonstrieren in der Innenstadt von Athen gegen Sparpläne in der Gesundheitspolitik.

          Täglich finden derzeit in Athen und der zweitgrößten Stadt des Landes, Thessaloniki, mehrere Massendemonstrationen statt. Die einen schreien ungestüm dafür, dass Alexis Tsipras nicht klein beigibt. Für sie ist die Austeritätspolitik gleichbedeutend mit dem Tod all ihrer Lebensträume. Bei solchen Protestkundgebungen überwiegt die Jugend. Bei den mit gleicher Vehemenz veranstalteten Demonstrationen der Pro-Europa-Bewegung überwiegen Rentner und gutbürgerliche Angehörige des Mittelstandes. Die Kommunisten wiederum verweigern sich beim Referendum beiden Optionen. Sie möchten weder mit einem Ja die Vorschläge aus Brüssel noch mit Nein die Gegenvorschläge von Tsipras unterstützen.

          Fahne statt Geld

          Jede Demonstration wird wegen der tiefen Gräben im Land zum Sicherheitsrisiko. Bereits vor der Schließung der Banken sprengte eine kleine Gruppe von knapp dreißig Anarchisten eine Demonstration der Pro-Euro-Bewegung mit Feuerwerkskörpern und einem auf der Flucht brutal in die Menge geworfenen Feuerlöscher. Es gelang den Anarchisten vor ihrer Festnahme durch die Polizei, Europafahnen und Wimpel der Demonstranten zu verbrennen. Die Pro-Euro-Protestler nehmen daher jede von ihnen als Provokation empfundene Aktion zum Anlass, nun ihrerseits mit Gewalt zu drohen.

          In Athen brennt die Europaflagge.

          Ein Bettler sitzt auf einer Verkehrsinsel der Akademias-Straße vor dem teuersten Hotel Athens, dem „Grande Bretagne“. Der alte Mann erhofft sich von den an ihm vorbei zum Syntagmaplatz marschierenden Pro-Euro-Aktivisten milde Gaben. Eine gutgekleidete Frau mittleren Alters tritt an ihn heran: „Nimm diese Fahne, schwenke sie und wähle beim Referendum Ja für Europa. Sonst geht es dir noch schlechter“, sagt sie schnippisch. Geld gibt es keines. Der verdutzte Bettler nimmt die Fahne mit dem Ja-Symbol entgegen und macht gute Miene zum bösen Spiel.

          Die Gemüter kochen hoch

          „Das ist aber frech!“, entfährt es einem Fotografen, der diese Situation beobachtet und auf den Auslöser gedrückt hat. Er ist schwarz gekleidet, ein verschreckter roter Kater, Symbol des Syriza-Radiosenders „Sto Kokkino“ prangt als einziger Farbklecks auf seinem T-Shirt. Drei Herren in Anzughose und Hemd eilen herbei, sie schubsen den Fotografen. „Hau ab, wir sind für Demokratie und Europa, dein Pack hat hier nichts verloren“, brüllen sie ihn an. Ein Kollege des Fotografen schreitet ein und stellt sich dazwischen: „Was ist das für eine Demokratie, in der ihr Andersdenkende mit Prügeln bedroht?“ Einer der Hitzköpfe höhnt noch: „Ich fick deine Mutter, du ungewaschener Linker“, trollt sich dann aber mit seinen Kumpeln. Der Schlichter erscheint den vorher Gewaltbereiten wohl zu durchtrainiert für eine körperliche Konfrontation.

          „Danke, dass du dazwischengegangen bist. Das ist nicht mehr selbstverständlich. Ich fürchtete schon, du fotografierst, wie die mich zusammenschlagen, und hast dann einen hochbezahlten Schnappschuss des Tages“, bedankt sich der bedrängte Fotograf bei dem Kollegen. Der Bettler hingegen schwenkt beharrlich weiter die Fahne. Zwecklos, sein Geldbecher bleibt fast leer.

          Der tiefe Riss in der Gesellschaft erreicht auch die Kultur

          Knapp zweihundert Meter weiter die Akademias-Straße entlang, am ehrwürdigen Ernst-Ziller-Bau der Athener Akademie, fangen Anarchisten die Pro-Euro-Demonstranten ab. Wahllos werden Menschen, die in Anzüge gekleidet in Richtung des Syntagmaplatzes unterwegs sind, mit zum Glück aus Plastik bestehenden Wasserflaschen beworfen und übel beschimpft. „Ihr wisst doch gar nicht, wohin wir gehen“, versucht eine Frau den Angriff zu verhindern. Es ist aussichtslos. Das Phänomen der aus allen Sicherheiten gerissenen Masse, wie es Elias Canetti in „Die Fackel im Ohr“ am Beispiel von Frankfurt am Main in der deutschen Inflationszeit so treffend beschreibt, hat von Griechenland Besitz ergriffen. Zwei der drei griechischen Massen, - Regierungsbefürworter, Pro-Euro-Aktivisten oder Kommunisten und Anarchisten - werden am Sonntag verlieren.

          Der tiefe Riss in der Gesellschaft manifestiert sich auch kulturell. Die Musik- und Theaterwelt ist ebenso geteilt wie das Volk. Sie werben entweder wie der Drittplazierte des Eurovision Song Contests von 2004 in Fernsehspots für ein Ja, oder sie unterschreiben wie der populäre Liedermacher Sokratis Malamas und das Rockidol Vassilis Papakonstantinou Aufrufe zum Nein. Fanatisch und ohne eigene Reflexion verteidigen die treuen Anhänger dieser Stars die Wahl des jeweils angebeteten Prominenten.

          „Mein geliebtes gutes Volk, stets bist du leichtgläubig und stets verraten“, gab Dionysios Solomos, der 1857 verstorbene griechische Nationaldichter und Texter der Nationalhymne, seinen Landsleuten mit auf den Weg. Die Nationalhymne stimmen außer den Anarchisten alle Demonstrationsgruppen gern an. Die Ermahnung des Dichters verhallt dagegen ungehört.

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