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Stimmung in Griechenland : Das laute Sterben einer Gesellschaft

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Die Gemüter kochen hoch

„Das ist aber frech!“, entfährt es einem Fotografen, der diese Situation beobachtet und auf den Auslöser gedrückt hat. Er ist schwarz gekleidet, ein verschreckter roter Kater, Symbol des Syriza-Radiosenders „Sto Kokkino“ prangt als einziger Farbklecks auf seinem T-Shirt. Drei Herren in Anzughose und Hemd eilen herbei, sie schubsen den Fotografen. „Hau ab, wir sind für Demokratie und Europa, dein Pack hat hier nichts verloren“, brüllen sie ihn an. Ein Kollege des Fotografen schreitet ein und stellt sich dazwischen: „Was ist das für eine Demokratie, in der ihr Andersdenkende mit Prügeln bedroht?“ Einer der Hitzköpfe höhnt noch: „Ich fick deine Mutter, du ungewaschener Linker“, trollt sich dann aber mit seinen Kumpeln. Der Schlichter erscheint den vorher Gewaltbereiten wohl zu durchtrainiert für eine körperliche Konfrontation.

„Danke, dass du dazwischengegangen bist. Das ist nicht mehr selbstverständlich. Ich fürchtete schon, du fotografierst, wie die mich zusammenschlagen, und hast dann einen hochbezahlten Schnappschuss des Tages“, bedankt sich der bedrängte Fotograf bei dem Kollegen. Der Bettler hingegen schwenkt beharrlich weiter die Fahne. Zwecklos, sein Geldbecher bleibt fast leer.

Der tiefe Riss in der Gesellschaft erreicht auch die Kultur

Knapp zweihundert Meter weiter die Akademias-Straße entlang, am ehrwürdigen Ernst-Ziller-Bau der Athener Akademie, fangen Anarchisten die Pro-Euro-Demonstranten ab. Wahllos werden Menschen, die in Anzüge gekleidet in Richtung des Syntagmaplatzes unterwegs sind, mit zum Glück aus Plastik bestehenden Wasserflaschen beworfen und übel beschimpft. „Ihr wisst doch gar nicht, wohin wir gehen“, versucht eine Frau den Angriff zu verhindern. Es ist aussichtslos. Das Phänomen der aus allen Sicherheiten gerissenen Masse, wie es Elias Canetti in „Die Fackel im Ohr“ am Beispiel von Frankfurt am Main in der deutschen Inflationszeit so treffend beschreibt, hat von Griechenland Besitz ergriffen. Zwei der drei griechischen Massen, - Regierungsbefürworter, Pro-Euro-Aktivisten oder Kommunisten und Anarchisten - werden am Sonntag verlieren.

Der tiefe Riss in der Gesellschaft manifestiert sich auch kulturell. Die Musik- und Theaterwelt ist ebenso geteilt wie das Volk. Sie werben entweder wie der Drittplazierte des Eurovision Song Contests von 2004 in Fernsehspots für ein Ja, oder sie unterschreiben wie der populäre Liedermacher Sokratis Malamas und das Rockidol Vassilis Papakonstantinou Aufrufe zum Nein. Fanatisch und ohne eigene Reflexion verteidigen die treuen Anhänger dieser Stars die Wahl des jeweils angebeteten Prominenten.

„Mein geliebtes gutes Volk, stets bist du leichtgläubig und stets verraten“, gab Dionysios Solomos, der 1857 verstorbene griechische Nationaldichter und Texter der Nationalhymne, seinen Landsleuten mit auf den Weg. Die Nationalhymne stimmen außer den Anarchisten alle Demonstrationsgruppen gern an. Die Ermahnung des Dichters verhallt dagegen ungehört.

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