https://www.faz.net/-gsf-85a9x

Stimmung in Griechenland : Das laute Sterben einer Gesellschaft

  • -Aktualisiert am
Stehen die Griechen bald vor verschlossenen Apotheken? In Athen werden einzelne lebenswichtige Medikamente bereits jetzt knapp.

Griechische Urlauber und Studenten im Ausland können ihre Kreditkarten nicht mehr benutzen und stranden mittellos in fremden Ländern. In Athen werden einzelne lebenswichtige Medikamente bereits jetzt knapp. Die Pharmahändler verlangen Vorkasse - in bar. In diesem Klima der Angst strebt die seit fünf Jahre andauernde griechische Finanzkrise auf einen neuen Höhepunkt hin. Das Referendum am morgigen Sonntag wird das Griechenland, wie wir es kennen, ein für alle Mal verändern - egal, wie es ausgeht. Für die Gegner der aktuellen Koalitionsregierung in Athen ist die Situation im Land gleichbedeutend mit unauslöschlicher Schmach und Schande, gar mit dem wirtschaftlichen Tod des Landes. Sie bewerten den Volksentscheid als Putschversuch von Ministerpräsident Tsipras. Die Furcht geht um, dass Griechenland nicht nur aus dem Euro, sondern auch aus der EU ausgeschlossen wird.

Mehrere Massendemonstrationen täglich

Die Nerven liegen blank. Eine hagere, hochgewachsene Rentnerin vor dem Finanzministerium entdeckt die dort wartende Journalistenschar. Der Minister Giannis Varoufakis ist ein paar Stockwerke höher in seinem Büro, in wenigen Minuten soll hier eine Rentner-Demonstration von der kommunistischen Gewerkschaft Pame beginnen. Die Hagere sieht eine Gelegenheit, ihrem Ärger Luft zu verschaffen. „Varoufakis, du Verräter“, brüllt sie, den ausgestreckten Arm gen Himmel hebend. Sie will, dass Griechenland Euro und EU aufgibt: „Mein Vater wurde von den Deutschen erschossen, meinem Onkel haben sie die Fingernägel zur Folter gezogen. Nun sollen wieder Deutsche über mein Volk urteilen? Nein!“ Wie aus dem Nichts eilt ein junger Mann herbei: „Du alte Hexe, hau ab! Deine wirren Reden gefährden meine Zukunft“, herrscht er die Frau mit schneidender Stimme an. In Windeseile aber sammeln sich weitere Rentner um sie und drohen, den jungen Mann zu lynchen.

Mittlerweile Tagesordnung: Rentner demonstrieren in der Innenstadt von Athen gegen Sparpläne in der Gesundheitspolitik.

Täglich finden derzeit in Athen und der zweitgrößten Stadt des Landes, Thessaloniki, mehrere Massendemonstrationen statt. Die einen schreien ungestüm dafür, dass Alexis Tsipras nicht klein beigibt. Für sie ist die Austeritätspolitik gleichbedeutend mit dem Tod all ihrer Lebensträume. Bei solchen Protestkundgebungen überwiegt die Jugend. Bei den mit gleicher Vehemenz veranstalteten Demonstrationen der Pro-Europa-Bewegung überwiegen Rentner und gutbürgerliche Angehörige des Mittelstandes. Die Kommunisten wiederum verweigern sich beim Referendum beiden Optionen. Sie möchten weder mit einem Ja die Vorschläge aus Brüssel noch mit Nein die Gegenvorschläge von Tsipras unterstützen.

Fahne statt Geld

Jede Demonstration wird wegen der tiefen Gräben im Land zum Sicherheitsrisiko. Bereits vor der Schließung der Banken sprengte eine kleine Gruppe von knapp dreißig Anarchisten eine Demonstration der Pro-Euro-Bewegung mit Feuerwerkskörpern und einem auf der Flucht brutal in die Menge geworfenen Feuerlöscher. Es gelang den Anarchisten vor ihrer Festnahme durch die Polizei, Europafahnen und Wimpel der Demonstranten zu verbrennen. Die Pro-Euro-Protestler nehmen daher jede von ihnen als Provokation empfundene Aktion zum Anlass, nun ihrerseits mit Gewalt zu drohen.

In Athen brennt die Europaflagge.

Ein Bettler sitzt auf einer Verkehrsinsel der Akademias-Straße vor dem teuersten Hotel Athens, dem „Grande Bretagne“. Der alte Mann erhofft sich von den an ihm vorbei zum Syntagmaplatz marschierenden Pro-Euro-Aktivisten milde Gaben. Eine gutgekleidete Frau mittleren Alters tritt an ihn heran: „Nimm diese Fahne, schwenke sie und wähle beim Referendum Ja für Europa. Sonst geht es dir noch schlechter“, sagt sie schnippisch. Geld gibt es keines. Der verdutzte Bettler nimmt die Fahne mit dem Ja-Symbol entgegen und macht gute Miene zum bösen Spiel.

Weitere Themen

Schwarze Titelseiten in Australien Video-Seite öffnen

Ruf nach Pressefreiheit : Schwarze Titelseiten in Australien

Einige der großen Tageszeitungen in Australien erschienen am Montag mit geschwärzten Titelseiten. Damit wollten die Blätter nach eigenen Angaben auf die australische Gesetzgebung aufmerksam machen. Diese erschwere Journalisten die Arbeit, biete keinen ausreichenden Schutz der Pressefreiheit und lasse etwa die Durchsuchung von Redaktionsräumen zu.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.