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Ein Plädoyer : Früher war mehr Europa

  • -Aktualisiert am

Der Blick geht in den Himmel: Präsident Hollande verfolgt bei der Parade am Nationalfeiertag die Kampfflugzeuge Bild: dapd

Wir sind weder arm noch überschuldet noch politisch unmündig, sondern träge und einfallslos. Nur wenn wir endlich anfangen, mehr kulturelle Energien zu mobilisieren, können wir die Krise des Kontinents beenden. Ein Plädoyer.

          In der langen europäischen Krisensommerpause 2012 wurde und wird schon einiges geboten, um das Gefühl des Ganznormalen aufrechtzuerhalten. Manchmal vergisst man, dass Krise ist. Am 14. Juli zum Beispiel, da konnte man in Paris die Parade zum Nationalfeiertag bewundern, als sei alles beim Alten. Sogar das Wetter spielte mit, als die Soldaten an der Tribüne vorbeizogen, auf der zum ersten Mal Präsident Hollande saß. Bei seiner Amtseinführung hatte es in Strömen geregnet, und der Präsident bekam seinen Spitznamen: „Rain Man“. In einer inflationären Natursymbolik schlug dann ja auch noch der Blitz in das Flugzeug ein, das ihn nach Berlin zur Kanzlerin bringen sollte. Doch die Parade, die war sonnenbeschienen und wie aus einer Zeichnung von Sempé.

          Die Fremdenlegionäre präsentierten lange Bärte und Schürzen aus braunem Leder. Die Feuerwehrmänner von Paris marschierten auf, und jeder erste in der Reihe hatte eine Maschinenpistole vor der Brust - hoffentlich Wasserpistolen, denn das wäre ja wieder so ein Symbol für die Verkorkstheit der Lage, wenn die Feuerwehr mit automatischen Waffen Waldbrände bekämpfen müsste. Es defilierte auch das Korps der Offizierskadetten, und die Kommentatorin erklärte, es seien auch Offiziersanwärter der Bundeswehr darunter. Erstmals dürften die mitdefilieren, was aber ein Problem aufgeworfen hätte, nämlich den Säbel. In der Bundeswehr tragen Offiziere keine Säbel, die Franzosen, wenigstens zu Paraden, aber schon, und da habe es höhere diplomatische Verwicklungen gegeben und viel Hin und Her. Jedenfalls hätten die französischen Kameraden den Deutschen nicht zumuten wollen, säbellos zu defilieren.

          Künstlich klein gemacht

          Das war ein schönes Symbol für die soziale Tiefe der deutsch-französischen Freundschaft, andererseits schien es denen recht zu geben, die, wie der französische Schriftsteller Michel Houellebecq, die Zukunft Europas nur noch in der touristischen Ausbeutung seiner folkloristischen Rituale sehen.

          Sicher, die französische Parade hatte ab und an auch ernste Töne, dann fiel immer das Wort Afghanistan. Dieses und jenes Gerät, auch die Hundestaffel sei dort im Einsatz gewesen, und das war dann der Moment, in dem die Kommentatoren ihre Stimme bedeutungsschwanger senkten und die Sätze auslaufen ließen. Fast zeitgleich war ein Buch erschienen, „Little America“ vom „Washington Post“-Reporter Rajiv Chandrasekaran. Er zieht eine ziemlich schonungslose Bilanz des Afghanistankrieges. Sein Fazit ist, dass bei all dem Aufwand doch erschreckend wenig herausgekommen sei. Und die Europäer spielten, trotz ihrer guten Absichten, bei der generellen Gestaltung der Zukunft Afghanistans keine wichtige Rolle. Immerhin konnte man den Krieg dort bei solchen Anlässen wie der Parade heroisch zitieren, auch wenn es den Soldaten dort an nahezu allem gemangelt hatte, um die Lage zu wenden. Europa hat sich dort - die Kräfte in kleine, nationale Garnisonen aufgesplittert - künstlich klein gemacht.

          Es fehlt an politischer Entschlossenheit

          Zum Schluss sprangen Fallschirmspringer über Paris ab und landeten vor dem Präsidenten, einer verstauchte sich das Bein. Das war die Parade. Sie war ein Symbol für diesen Sommer, der an Veranstaltungen so reich ist, mit denen wir die Normalität der Lage beschwören. Es gab auch eine Tour de France, obwohl niemand mehr der Sache traut. Hier und da konnte man sogar über das Wetter schimpfen, wie früher, wie Rudi Carrell in seinem Schlager, als Nostalgie noch neu war und nicht, wie heute, Marktführer der Empfindungen. Der Wetterbefund kam dann aber, krisenhaft wie befürchtet: Der Juli 2012 war der wärmste Monat, der je in den Vereinigten Staaten gemessen wurde. Nur weil wir neue Probleme haben, sind die anderen nicht gelöst. Und wie das Klima wird auch die europäische Wirtschafts- und Sozialkrise nicht von allein besser, sondern erwartungsgemäß schlimmer. Frankreich als eines der größten europäischen Länder treibt in die Rezession, die Arbeitslosigkeit bricht Rekorde. Die Wirtschaftsdaten Deutschlands verschlechtern sich rapide und wie nicht anders zu erwarten.

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