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Ein Plädoyer : Früher war mehr Europa

  • -Aktualisiert am

In Wahrheit kennen wir einander kaum

Das ist nur ein Vorschlag, sicher wäre noch anderes vorstellbar, aber es fehlt jede politische Kreativität. Und das liegt an unserer allzu schwachen kulturellen Energie für Europa, da verhalten wir uns wie Konsumenten mit Doppelklickmentalität. Alles sofort und in XXL! Seit zehn Jahren freuen wir uns an der mühelosen Realität von Eurozone und EU. Sie konnten nicht groß genug sein und das Tempo der Erweiterung nicht hoch genug. Nun steht das Ding auf offener Strecke, und man begreift überhaupt erst, mit wem man sich auf die Reise gemacht hat. Entsetzt fragen alle, wer die Griechen hat einsteigen lassen und was die Sizilianer hier wollen. Die anderen starren zurück: Seit wann kommandieren hier die Deutschen wieder herum? Doch es nutzt alles nichts, wir müssen jetzt lernen. Zu den Nationalstaaten kann man so wenig zurück wie der ausgebrannte Angestellte sich auf den baumbestandenen Pausenhof seiner Grundschule zurückversetzen lassen kann, selbst wenn er beim finalen Test gemogelt haben sollte. Diese Träume einer Feuerzangenbowle der Geschichte, wo man sich als geeintes Herzeuropaland mit erwachsener Wirtschaftspotenz in die schmale Gestalt der Bundesrepublik West zurückzwängen könnte, sind Komödienstoff.

Stattdessen muss nun die Kultur wach werden, die Medien und die Bildungseinrichtungen, denn es ist viel zu tun. In Wahrheit kennen wir in Europa einander kaum. Das ist aber kein Wunder, auch die Nationalstaaten brauchten Jahrzehnte, bis die einzelnen Regionen miteinander halbwegs bekannt waren. Und noch im Ersten Weltkrieg, schreibt der Historiker Thomas Weber, waren keineswegs alle bayerischen Soldaten begeistert davon, mit protestantischen Preußen gegen katholische Franzosen ausrücken zu müssen.

Die Energie muss entwickelt werden

So etwas dauert, und weil die Zeit drängt, sollten wir anfangen, den Zeitdruck, den die Märkte ausüben, produktiv nutzen. Wir brauchen eine europäische Quote in Kino, Radio und Fernsehen. Wie in Kanada sollte ein gewisser Teil des öffentlich-rechtlichen oder öffentlich geförderten Programms für Filme, Songs, Shows aus europäischen Ländern reserviert sein. Es kann nicht sein, dass im frühen Fernsehen mit „Einer wird gewinnen“ und „Spiel ohne Grenzen“ mehr Europa war als heute. In die Talkshows zum Thema Europa sollten mindestens zwei Gäste aus einem anderen als dem Senderland kommen. Jeder Schüler, jede Schülerin bekommt europäische Mailfreunde; jede Klasse eine Partnerklasse. Auslandssemester für Studierende und Rotationsprogramme für Beamte sollten Alltag werden. Vorschläge für einen europäischen Jugendaustausch gibt es bereits. Auch Zeitungen müssen sich stärker vernetzen und austauschen als bisher. In Zeiten der digitalen Bildkonferenzen muss das auch alles nicht unendlich teuer sein. Eine Einschränkung empfiehlt sich bei der Entfaltung der Möglichkeiten: Wir können nicht 27 Amtssprachen pflegen. Kanada sei auch hier Vorbild, beschränken wir uns für den Alltag auf zwei oder drei. In wenigen Jahren schon wird der politische Diskurs ein ganz anderer, kennen wir auch andere als unsere ewiggleichen nationalen Politiker.

Die europäische Energie muss entwickelt werden. Kultur, Bildung und Wissenschaft - Ressourcen, über die wir überall in Europa verfügen - sind dazu das beste Labor. Europa ist weder arm noch überschuldet, noch politisch unmündig, sondern träge und einfallslos. Entweder wir ändern das oder gehen in die Geschichtsbücher ein als die Generation, die alles fallen ließ, als die dümmsten Europäer, die je gelebt haben.

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