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Sparpolitik in Europa : Die Stunde des magischen Denkens

„Griechenland durch Strukturanpassung so retten wie Brasilien“? Stereotype und abenteuerliche Vergleiche helfen nicht weiter. Bild: dapd

Griechenland als guter Wille und Vorstellung: In einer Situation objektiver Ratlosigkeit gehört es zur Rolle von Intellektuellen und Technokraten, sich ganz sicher zu sein.

          „Vor uns steht ein leistungsunfähiges, arbeitsloses, desorganisiertes Europa, zerrissen von innerem Aufruhr und internationalem Hass, kämpfend, hungernd, plündernd und lügend; wo soll man weniger düstere Farben hernehmen?“

          So John Maynard Keynes in seinem Buch über die Versailler Verträge. Das war 1919. In „Die ökonomischen Konsequenzen des Friedens“ formulierte der berühmte englische Ökonom erstmals beißend seine Kritik an der Vorstellung, Volkswirtschaften ließen sich ohne desaströse Folgen harte Sparzwänge auferlegen und was für private Haushalte gelte, könne auch für Staaten gelten.

          Europas Völker hassen sich nicht

          Vor gut einem Monat hat Amartya Sen, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaft, diese Passage in einem Vortrag über die ökonomischen Konsequenzen der sogenannten Austeritätspolitik zitiert. Deutschland immense Schulden in Form von Reparationszahlungen aufzubürden, das war 1919 das Argument von Keynes, werde ganz Europa in eine Abwärtsspirale ziehen. Denn wie könnten die Deutschen diese Zahlungen jemals leisten, wenn nicht durch riesige Handelsüberschüsse gegenüber dem Rest Europas? Und wie stelle man sich die Zukunft des Kontinents vor, wenn sein bevölkerungsreichstes Land aus politischen Gründen in eine Wirtschaftskrise hineingezwungen werde?

          Amartya Sen, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaft, vergleicht die derzeitige Situation in Europa mit der um 1919.

          Spätestens an dieser Stelle stellt sich die Frage, wofür Sen Keynes zitiert. Was leisten überhaupt historische Analogien in einer gesellschafts- wie wirtschaftsgeschichtlich recht einmaligen und auf einmalige Weise verfahrenen Lage? Die Pointe, dass es heute umgekehrt Berlin ist, von dem angeblich die härtesten Forderungen nach Spardisziplin in Europa ausgehen, liegt nahe. Doch was folgt aus ihr? Die engen Grenzen des historischen Vergleichs sind leicht erkennbar. Europa ist eben heute nicht durchweg leistungsunfähig, arbeitslos und desorganisiert. Das gilt nur für Teile davon, und die Analysen der europäischen Ungleichheiten wie der europäischen Krise weichen sehr voneinander ab. Europas Völker, was immer sie von ihren Regierungen halten, hassen einander trotzdem nicht. Soll man jetzt, nur um sich schon einmal die Pose als Warner zu sichern, sagen: noch nicht?

          Die Ideologien als Beruhigungsmittel

          Einstweilen dokumentiert das, was sich die Europäer an wechselseitigen Vorurteilen einreden lassen, eher als Niedertracht Orientierungslosigkeit; auch die der Bescheidwisser aller Lager. Die Redeweise etwa, die mitunter Schuldnerländer von Gläubigerländern unterscheidet, als wären nicht auch die Gläubigerländer verschuldet und als handelte es sich um kulturelle Unterschiede, lässt sich leicht durchschauen und ist doch so praktisch. Behauptungen wie die, „der Grieche“ arbeite zu wenig und gehe zu früh in Rente, kann jede Europäerin mit Internetanschluss in wenigen Minuten überprüfen. Dabei lässt sich dann womöglich die Einsicht gewinnen, dass eine hohe Wochenarbeitszeit weniger das Zeichen einer Mentalität als industrieller Unterentwicklung sein kann. Oder dass ein frühes Pensionsalter im öffentlichen Sektor mit einer der höchsten Altersarmutsraten in Europa einhergehen kann. Nicht einmal so insistent wiederholte Behauptungen wie die, Deutschland verdanke seinen Hartz-IV-Reformen die gute Form, weswegen ähnliche Programme – und dann auch der Mindestlohn? – für den Rest Europas ebenfalls geboten seien, sind bei den Leuten, die auf diesem Gebiet forschen, unumstritten.

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