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Europa-Serie : Ich bin bereit, das christliche Abendland zu verteidigen

Dževad Karahasan: u.a. Träger der Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung Bild: Hannes Hintermeier

Gibt es so etwas wie einen Mustereuropäer? Der Schriftsteller Dževad Karahasan kommt diesem Ideal als bosnischer Muslim ziemlich nah. Neue Folge unserer Europa-Serie.

          Der Schüler besucht das Realgymnasium in Sarajevo. Ein aufgeweckter Knabe, lernwillig und wissbegierig, und doch kein Streber. Die zwei Wochenstunden in Latein sind ihm nicht genug. Er geht ins Franziskanerkloster, wo er kundige Leute vermutet, und bittet Fra Ivo Bagarić, ihm in Latein, Griechisch und Philosophie Unterricht zu geben. Der Mönch willigt ein. Als der Privatunterricht zwei Jahre später zu Ende geht, fragt der Schüler, wie viel er wohl schuldig sei? Ich schulde dir Geld, weil du lernen willst und zu mir gekommen bist, antwortet der Franziskaner.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Die autobiographische Geschichte aus der Schulzeit des späteren Schriftstellers Dževad Karahasan trägt sich 1970 zu. Da ist Tito schon seit einem Vierteljahrhundert Staatsoberhaupt Jugoslawiens, der Eiserne Vorhang fest geschlossen, der Bosnien-Krieg noch mehr als zwei Jahrzehnte entfernt. Jener Krieg, in dem Karahasan Verwandte, Freunde und seine Bibliothek verlor; jener Krieg, den er nur überlebte, weil er durch einen Tunnel ausgeschleust und nach München in Sicherheit gebracht wurde. Dort begann in den frühen neunziger Jahren sein zweites Leben, sein Leben als europäischer Schriftsteller von Rang.

          „Wie soll ich mich verstehen ohne Gegenüber?“

          Dem „Tagebuch der Aussiedlung“ (1993) folgen Essays und gewichtige Romane wie „Schahrijars Ring“ (1997) und „Der nächtliche Rat“ (2006), zuletzt im vergangenen Jahr „Der Trost des Nachthimmels“. In fünfzehn Sprachen sind seine Bücher, die explizit an die arabische Erzähltradition anknüpfen, übersetzt. In Deutschland erscheinen sie bei Insel. Preise und Auszeichnungen hat Karahasan in Frankreich, Italien, der Schweiz, Österreich und nicht zuletzt hierzulande eingeheimst, darunter den „Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung“. Heute lebt Karahasan mit seiner Frau, einer Journalistin, in Graz, wo er nach seiner Zeit als Stadtschreiber Wurzeln schlug, und in Sarajevo, wo er Komparatistik und Dramengeschichte unterrichtet.

          Über seine Herkunft sagt er: „Meine kulturelle Zusammensetzung ist kompliziert. Meine Eltern waren beide bosnische Muslime, meine Mutter war gläubig, mein Vater war ein tiefgläubiger Kommunist, der bis zu seinem Lebensende ein glühender Titoist blieb. Ich selbst war niemals Kommunist, hatte aber größere Probleme mit den Antikommunisten, denn die Kommunisten ließen mich einfach schweigen, während ihre Gegner wollten, dass ich mich zu allem äußere.“ Das Studium finanziert er mit Schwarzarbeit auf deutschen Baustellen. Damals habe er sein „Jugoslawentum“ stark gespürt, so wie er heute sein „Bosniertum“ spüre, seit Bosnien in seiner Existenz bedroht ist. Sechzig Prozent Jugendarbeitslosigkeit und eine schwere Wirtschaftskrise drücken aufs Gemüt.

          Mit Karahasan über Europa zu reden hat aus Sicht des deutschen Gesprächspartners beinahe etwas Peinliches, so selbstverständlich führt der Mann vom Balkan, den sie in Österreich bestenfalls einen „Balkanesen“ nennen, vor, wie man als bosnischer Muslim den europäischen Gedanken verkörpert. Das hat einmal damit zu tun, dass auch in den Nachfolgestaaten der Habsburger Monarchie viele Ethnien und Religionen Platz in Sarajevo hatten. Und hat es auf einer persönlichen Ebene mit der intellektuellen Neugier des mehrsprachigen, hochgebildeten Schriftstellers zu tun, dessen hintersinniger Humor den Ernst seiner Gedankenwelt auflockert. Als wäre er jeden Augenblick auf der Suche nach einer metaphysischen Begründung für seine Kontaktfreudigkeit: „Wie soll ich mich verstehen ohne Gegenüber? Für mich sind Menschen vor allem Gespräch,“ sagt Karahasan mit einem selbstironischen Achselzucken.

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          Seine Zugehörigkeit zu Europa sitze so tief, dass er sie so wenig fühle wie „eine funktionierende Niere“. Es werde ohnehin viel zu viel über Europa geredet, befindet er und rückt seinen Hut zurecht, der ihn vor der Sonne schützt. Wir vergäßen gerne, befindet der Schriftsteller, „dass Europa eine stete Suche ist. Seit es existiert, fragt sich Europa, wo seine Grenzen liegen, geographisch und kulturell.“ Dabei sei die Abwesenheit eines Zentrums gerade das Aufregende an Europa: „Johannes Scottus Eriugena stellt sich Gott wie eine Kugel vor, deren Zentrum überall und deren Peripherie nirgends ist. So funktioniert in seinem Empfinden auch Europa.

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