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Europa-Serie : Ich bin bereit, das christliche Abendland zu verteidigen

Die Herz-Jesu-Kathedrale in Sarajevo

Warum er trotzdem oder gerade deswegen der Meinung ist, die kulturelle Identität sollte in jedem Menschen „ein wenig Unbehagen“ erzeugen, illustriert der leidenschaftliche Geschichtenerzähler mit einer Anekdote. „Ende der neunziger Jahre durfte ich in Italien einen Preis entgegennehmen. In meiner Dankesrede erklärte ich, dass mein bester Freund, der Franziskaner Mile Babić, sich seiner katholischen Zugehörigkeit bewusster sei als der damalige Kardinal Ratzinger. Ich wurde gefragt, was ich damit meinte. Ich antwortete: Im Vatikan katholisch zu sein erschiene mir pleonastisch. Dort wären auch Bäume, Stein und Vögel katholisch, sofern das möglich wäre.“

Dass er als Muslim eine enge Freundschaft mit einem katholischen Ordensmann pflege, sei früher nichts Ungewöhnliches gewesen. Heute gebe es in dem von Wahabiten unterwanderten Sarajevo Zeitgenossen, die das skeptisch beäugten. „Bosnien ist kein Paradies, aber das Gespräch zwischen den Kulturen funktioniert immer noch ganz gut. Aber es gibt selbstverständlich auch Leute dort, die jegliches Gespräch mit Andersdenkenden und Andersgläubigen ablehnen.“

Eine Bedrohung gibt es nicht

Dabei sei gerade das die eminente geistige Leistung Europas – die Fähigkeit, nuanciert zu denken, nicht in Schwarz-Weiß-Schemata zu verfallen. „Die Kultur hat Europa geschaffen, nicht die heute gängigen binären Oppositionsmodelle vom Typ: Ich bin ich, weil ich nicht du bin. Diese Leistung müssen wir zurückerobern.“ Europa versus Islam, das sei „einfach Quatsch. Europa existierte niemals völlig ohne Islam. Und es hat sich niemals nur negativ zum Islam gestellt. Man setzte sich mit ihm auseinander, man übernahm einiges, lehnte anderes ab.“ Das christliche Abendland sieht Karahasan demnach keineswegs vom Islam bedroht. Sondern von anderen Kräften wie dem neoliberalen Kapitalismus, „einer schrecklichen Erfolgsideologie, die man uns aufdrängt“.

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Jesus habe in der Bergpredigt klargemacht, dass man Arme nicht verachten soll, dass Armut keine Schande ist. „Das haben wir völlig vergessen. Eine der größten Leistungen des Christentums ist Solidarität. Güte ist eine große Gottesgabe. Ausgerechnet die Leute, die das christliche Abendland verteidigen wollen, haben ,Gutmensch‘ zu einem Schimpfwort gemacht.“ Bei diesem Thema kommt der ansonsten bedächtig und präzise formulierende Karahasan in Fahrt. Er verkündet gar: „Ich bin jederzeit bereit, das christliche Abendland zu verteidigen! Die große Lehre des Christentums ist doch: Angst ist die schlimmste Sünde. Also, befreien wir uns von Angst.“

Er akzeptierte immer alle Vorurteile ihm gegenüber. Dass er so verfährt, um damit eine Einladung zur vorurteilsfreien Kommunikation auszusprechen, dürfte jene überfordern, die es sich im Vorurteil eingerichtet haben, auf dem Balkan wie im Rest der Welt. Gerade in seiner Wahlheimat Österreich ist der „Balkanese“ mit einer massiven Frontstellung gegenüber Ausländern konfrontiert, die dort von der drittstärksten politischen Kraft, den sogenannten Freiheitlichen, befeuert wird. Erschwerend kommt hinzu, weiß Karahasan, dass Ressentiment keine Grenzen kennt: „Man kann auch ein österreichischer Chauvinist sein, wenn man aus Ägypten oder dem Irak kommt.“

„Eine der größten Leistungen des Christentums ist Solidarität“: Flüchtlinge werden im September 2015 in München willkommen geheißen.

Trotz seines Alters, wie der Vierundsechzigjährige augenzwinkernd sagt, gestatte er sich Optimismus. Das gilt besonders auch in der Flüchtlingsfrage, in der er auf der Seite der deutschen Bundeskanzlerin steht. „Einer der wenigen Augenblicke, in denen ich froh war, ein Mensch zu sein, war, als ich im Fernsehen sah, wie in München Tausende von Menschen unaufgefordert die Flüchtlinge begrüßt und versorgt haben. Das war großartig!“ Doch im gleichen Moment habe sich die Fratze einer Politik gezeigt, die eine „Ökonomie der Angst“ verbreitet. Etwa durch die Behauptung, die Flüchtlinge bedrohten unsere kulturelle Identität. „Wie sollen zwei Millionen Geflüchtete eine europäische Gesellschaft bedrohen, die mehr als fünfhundert Millionen Einwohner zählt? Das ginge vielleicht, wenn diese Identität im Zerfallen begriffen wäre. Aber das ist in Europa nicht der Fall.“

Es sei kein Zufall, dass fast alle Flüchtlinge nach Deutschland wollen. Deutschland habe es geschafft, seine Vergangenheit aufzuarbeiten, ohne die eigene großartige Kulturgeschichte zu beschädigen. „Deutschland ist ein wunderbares Beispiel für gelingende Integration. Vielleicht funktioniert diese gerade deswegen so gut, weil eine schlüssige Integrationspolitik fehlt. Und wenn es heute ein europäisches Land gibt, in dem es Totalitarismen aller Couleur schwer hätten, ist es Deutschland.“

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