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Europas Zukunft : Haut doch ab!

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Eine Zukunft als Ruhestands-Eldorado

Bourdieu macht deutlich, dass Prekarität immer auch die noch nicht Prekarisierten betrifft: Sie flößt allen das Gefühl ein, ersetzbar zu sein, macht sie ängstlich und zukunftsscheu. Warum also bleibt die Generation Y überhaupt hier, was erwarten sie noch?

Europa hat eine Zukunft vor allem als Ruhestands-Eldorado, als Produzent wertiger Accessoires und Destination für globalen Tourismus. Die vielbeschworene europäische Stadt wird in zwanzig Jahren ein Disneyland sein, in dem man sich die Miete nicht leisten kann und auf dessen Bürgersteigen alle sehr langsam gehen. Ein Standort, durch den marathonlaufende Entscheider mit randlosen Brillen wandern und sich mit dem iPhone das neue Grönemeyer-Album herunterladen. Praktisch kein junger Europäer kann sich heute ein normales Leben in europäischen Hauptstädten wie Paris, Rom, Madrid oder London leisten. Für wen sind diese Städte dann aber da? Für norwegische Rentner, die sich ihre dritte Eigentumswohnung einrichten? Für Chinesen, die Chanel und Prada leerkaufen? Offensichtlich.

Vielleicht wachen all die jungen, prekarisierten Europäer ja eines Tages auf in den Kinderzimmern, die sie mit Anfang dreißig noch bewohnen. Vielleicht geben sie sich irgendwann nicht länger damit zufrieden, mit Kleingeld in der Tasche von Madrid nach London fliegen zu dürfen oder von Athen nach Berlin.

Nicht überall sind junge Menschen so überflüssig

Wir wollen kein Kleingeld, mögen sie sich sagen, wir wollen ein richtiges Leben, an einem Ort, den wir zu unserem machen können. Und wenn Europa dieser Ort nicht ist, dann gehen wir eben woandershin. Es sind ja nicht nur die Binnengrenzen, die qualifizierten jungen Europäern offenstehen, sondern auch die von Kanada und den Vereinigten Staaten, von Australien und Neuseeland. Diese Einwanderungsnationen werden in den nächsten Jahrzehnten nicht schrumpfen, sondern wachsen. Die Bevölkerungspyramiden dieser Länder sehen noch wie Tannenbäume aus und nicht wie Pilze oder Urnen.

Es sind vielleicht keine Millionen, die da gehen oder gehen werden, aber es sind, das liegt schon an den schwierigen Anforderungen, oft die am besten Qualifizierten und Motiviertesten, die abhauen. Leute, die ihr Potential auch in Europa hätten entfalten können. Nicht überall auf der Welt sind junge Menschen so überflüssig wie in Europa. Kanada und Australien werben aktiv um Einwanderer, auch in der EU.

Wäre es ein Bruch? Auswanderung ist seit Jahrhunderten eine bewährte europäische Tradition. Man würde nichts anderes tun als die Vorfahren im 19. Jahrhundert. Länder wie die Vereinigten Staaten und Kanada, die damals Ziele waren, sind heute immer noch Versprechen. Die mit ihren zwanzig Jahren schon greisenhafte EU dagegen hat, wie es aussieht, keine Verwendung mehr für Jugend oder Jugendlichkeit, ihre Aggression, Durchgeknalltheit und Sehnsucht. Lieber verbietet sie Glühbirnen und reguliert Kerzen. Es ist aber völlig okay, wenn es ab und zu mal brennt.

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