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Europas Zukunft : Haut doch ab!

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Warum also bleiben sie an der Macht, nicht nur politisch, sondern auch kulturell? Das hat vor allem mit Demografie zu tun. Der Sozialpädagoge Gunnar Heinsohn erinnerte sich kürzlich in einem Gespräch mit der „Zeit“ an die Griechenlandkrise und die hohe Arbeitslosigkeit in Südeuropa. Renommierte Professoren hätten ihn damals gewarnt: Diese Situation sei explosiv und führe zu Gewalt. Er habe den Professoren damals widersprochen: „Die zornigen jungen Griechen sind statistisch gesehen einzige Söhne oder einzige Kinder, die allemal im Hotel Mama unterkommen.“

Wirtschaftswachstum und Sachen kaufen

Und da wohnen sie noch heute. Es gibt unter den Millennials kaum Wut. Es ist eher eine stille Ergebenheit, eine schwer erklärbare Dankbarkeit dafür, immerhin irgendwas zu bekommen, irgendwo, irgendwann. Ein Praktikum, einen Zeitvertrag, ein Lob, eine Schwangerschaftsvertretung. Es gibt ja immer noch einen, der es für weniger macht.

Eine Revolution der Jungen, eine Revolte der Überflüssigen wird es vielleicht nicht geben. Aber einen tiefen Bruch, einen, der lautlos und unsichtbar bleibt und darum nicht weniger bedeutend sein muss als eine Eruption. Einen Riss, der durch die naive, apolitische Vorstellung von einem „geeinten“ Europa geht. Geeint in was? Wirtschaftswachstum, Sachen kaufen. Mehr Wirtschaftswachstum. Mehr Sachen kaufen.

Der tiefe Glaube der Nachkriegsgeneration, dass die Dinge schon einen Sinn stiften werden, wenn man sie nur in ausreichender Menge und Qualität zusammenträgt, erodiert gerade. Gesellschaften, die sich immer noch über ihren Konsum definieren, bekommen ein Problem, wenn zu viele Leute kein Geld mehr haben, das sie ausgeben können, für teure deutsche Neuwagen zum Beispiel. Lieber mit dem Fernbus fahren oder mit dem Fahrrad.

Prekarität hat tiefgreifende Auswirkungen

Andere rebellische Gesten bleiben aus. Solange die jungen Europäer ihre Füße unter Muttis Tisch stellen, folgen sie ihren Regeln und fassen an, wo man es ihnen sagt. „Das geeinte Europa ist ein Projekt, an dem wir unbedingt weiterarbeiten sollten“, mahn-motiviert die „Neon“ ihre Leser. Die Millennials sollen, mit anderen Worten, ein Haus renovieren, in dem sie nur zur Untermiete wohnen – und zwar befristet.

Warum? Wenn politisch denken heißt, Widersprüche zu erkennen und in Argumentationen zu verwandeln, wenn es bedeutet, zwischen gesellschaftlichen Gruppen und ihren Interessen unterscheiden zu lernen, dann ist es zutiefst unpolitisch, in einem solchen Haus „wir“ zu sagen. Warum sollte sich ein 25-jähriger Europäer von den Durchhalteparolen der gutversorgten Multiplikatoren, der Mandats- und Entscheidungsträger angesprochen fühlen?

Es geht da nicht nur um Geld. Prekarität ist kein rein materielles Problem. Pierre Bourdieu hat im Dezember 1997 darüber einen Vortrag gehalten, einen Vortrag, der gerade sozusagen volljährig wird und an dessen Prämissen sich binnen achtzehn Jahren nichts geändert hat, im Gegenteil: „Prekarität hat bei dem, der sie erlebt, tiefgreifende Auswirkungen“, so der Soziologe und Philosoph. „Indem sie die Zukunft überhaupt im Ungewissen lässt, verwehrt sie den Betroffenen gleichzeitig jede rationale Vorwegnahme der Zukunft und vor allem jenes Mindestmaß an Hoffnung und Glauben an die Zukunft, das für eine vor allem kollektive Auflehnung gegen eine noch so unerträgliche Gegenwart notwendig ist.“

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