https://www.faz.net/-gqz-82g2t

Flüchtlingspolitik : Warum Europa uns jetzt braucht

  • -Aktualisiert am

Das Blut wird weiter tropfen

Natürlich sind auch andere Staaten für das Massensterben im Mittelmeer verantwortlich. Aber ich wende mich als deutscher Schriftsteller und bekennender, ja beseelter Europäer nun einmal an eine deutsche und europäische Öffentlichkeit. Also spreche ich über die deutsche und europäische Mitverantwortung, ohne deswegen zu übersehen, dass etwa Russland oder Iran, die Türkei oder die Arabische Liga ebenfalls oder sogar mehr zu den syrischen, irakischen, libyschen und anderen Desastern beigetragen haben.

Ach ja – und die einheitliche europäische Flüchtlingspolitik, die immerhin den Vorwand lieferte, um 1993 das Asyl als ein originär deutsches Grundrecht in Deutschland aufzugeben? Es gibt keine Einheitlichkeit, und es wird sie, wenn man den Niedergang des europäischen Gedankens innerhalb der EU verfolgt, in Zukunft erst recht nicht geben. Einig sind sich die Mitgliedstaaten der Europäischen Union lediglich darin, dass man an keiner einzigen Außengrenze einen Asylantrag stellen kann. Solange die Tore Europas nicht wenigstens für die Verfolgten offenstehen und wir selbst diejenigen aussperren, die wir für unsere eigene Wirtschaft dringend bräuchten, wird das Blut weiter tropfen.

Bereitschaft, auf etwas Wohlstand zu verzichten

Seit ich 2005 am Grenzzaun von Ceuta stand, habe ich Reportagen über die Flüchtlinge geschrieben, habe Vorträge gehalten und mich wie zahllose Mitbürger in meiner eigenen Stadt für eine menschlichere Politik engagiert. Ich habe auch mit vielen Politikern gesprochen. Nein, sie kamen mir nicht seelenlos vor. Jedenfalls die, die ich kennenlernte, schienen nicht nur zu wissen, sondern mit dem Herzen zu fühlen, dass sich Europa im Mittelmeer eines der großen Verbrechen unserer Zeit schuldig macht. Aber wenn ich dann fragte, warum Europa zwar vieles ankündigt, aber im Grunde nichts ändert, bekam ich immer eine Antwort: Noch mehr Flüchtlinge würden den Rechtsextremen noch mehr Zulauf bescheren. Dann würde Le Pen in Frankreich nicht 25, sondern vierzig Prozent der Wähler für sich gewinnen, und Pegida in Dresden nicht 25.000, sondern 100.000 Menschen mobilisieren.

Kritisiert seit Jahren die Flüchtlingspolitik der EU: der Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani

Ich konnte das Argument, ehrlich gesagt, nicht ganz von der Hand weisen. Aber wenn ich jetzt auf die vergangenen zehn Jahre blicke, hat sich doch etwas verändert: das öffentliche Bewusstsein. Ich kann das stellvertretend für Köln sagen: Wo immer ein Flüchtlingsheim errichtet wird, bildet sich sofort eine Bürgerinitiative nicht etwa gegen, sondern für die Flüchtlinge! Aus anderen Städten höre ich Ähnliches. Richtig, die Ausländerfeinde haben an Zulauf und vor allem an Aufmerksamkeit gewonnen. Aber noch viel mehr sind diejenigen geworden, die nicht mehr ertragen, dass Tag für Tag Flüchtlinge ertrinken, verdursten oder verbluten, interniert, geschlagen oder beleidigt werden, nur weil sie von ihrem Menschenrecht auf ein würdiges Leben Gebrauch gemacht haben. Ja, inzwischen glaube ich, dass die Politiker nicht mehr recht haben und eine Mehrheit der Bevölkerung durchaus bereit wäre, auf etwas Wohlstand zu verzichten – sagen wir: auf einen Solidaritätsbeitrag, den wir für die deutsche Einheit gern geleistet haben! –, um die Flüchtlinge und mit ihnen die europäische Idee zu retten. Aber wir müssten dann auch auf die Straße kommen, wenn Pegida wieder marschiert, und den Zehntausenden eine Million entgegenstellen. Die Flüchtlinge brauchen Europa, und Europa braucht jetzt uns.

Weitere Themen

Topmeldungen

Aktuell gibt es in Deutschland nur einen Bruchteil der bis 2020 anvisierten 100.000 Ladestellen.

Elektromobilität : Strom-Tankstellen auf Staatskosten

Im Kanzleramt findet gerade ein Autogipfel statt. Ein Thema: Elektro-Autos. Sie sind für die Industrie das nächste Milliardengeschäft. Doch die Ladesäulen soll der Staat bezahlen – mit bis zu einer Milliarde Euro. Aber muss das sein?

FAZ Plus Artikel: CDU und AfD : Noch nicht mal zum Kaffeeplausch

Die Union will sich stärker von der AfD abgrenzen und fasste einen Beschluss, in dem sie die Ermordung Walter Lübckes mit dem Handeln der AfD in Zusammenhang bringt – steht nun ihre Beziehung zu den Sicherheitsbehörden auf dem Spiel?
Spuren der Vergangenheit: Im Garten seines Hauses bei Potsdam blickt Joost Siedhoff auf eine der Wurfpuppen, die seine Mutter Alma Siedhoff-Buscher am Bauhaus gestaltete.

Joost Siedhoff im Porträt : Mutter am Bauhaus

Alma Siedhoff-Buscher hat Spielzeug für Kinder entworfen. Ihr Sohn, der 92 Jahre alte Schauspieler Joost Siedhoff, hält ihr Werk lebendig.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.