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Europa : Mare crisium

  • -Aktualisiert am

Schlafen vor den Toren Europas: Afrikanische Flüchlinge bei Melilla Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Ceuta, Meililla, Lampedusa: Am Mittelmeer wankt die Festung Europa im Ansturm der Ärmsten. Die EU will ihre Zivilisation nach Ankara exportieren, kann die Wanderung in ihre Grenzen aber längst nicht mehr kontrollieren.

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          Mit den ersten Stürmen des Herbstes räumen die Bademeister an Italiens Stränden die Liegestühle ins Winterquartier, nur in Lampedusa dauert die Badesaison noch bis November. Das ist kein Wunder, denn das Felseneiland und Tauchparadies - südlichster Punkt Kerneuropas - liegt weit unterhalb von Gibraltar und Tunis und gehört klimatisch zur Sahara. Im Unterschied zu Adria und Riviera müssen die sonnenverwöhnten Bademeister hier allerdings befürchten, daß der stürmische Herbst Leichen an die Küste spült - Menschen, die auf dem Weg nach Deutschland oder Belgien an den Haien scheiterten. Lampedusa ist der südlichste Punkt der Festung Europa, von der man hier unten längst nicht mehr glaubt, daß es eine Insel der Seligen sei.

          Ende Juni herrschte hier nicht nur an den Stränden Hochsaison. Da saßen im insularen Auffanglager 650 Migranten - weit mehr als das Dreifache der Kapazität. Innerhalb eines Tages waren erst 300 Somalier angelandet, unter ihnen 80 Frauen mit vielen Kleinkindern. Dann kamen immer neue Boote mit Afrikanern, zuletzt schleppte die Küstenwache ein leckes Schlauchboot mit 22 armen Teufeln in den Hafen, die sie zufällig auf hoher See aufgegabelt hatten. Die Menschen hatten das Wasser, in dem sie standen, zuletzt mit Eimern über Bord geschaufelt. Für die Nachrichten bedeuten solche Schicksale nicht einmal mehr Kleingedrucktes.

          In Lampedusa entscheidet sich das Schicksal Europas

          Und doch entscheidet sich im abgelegenen Lampedusa, wo früher nur ein paar Schwammtaucher und Fischer ein Auskommen fanden, wie kaum anderswo das Schicksal Europas. 1801 „Clandestini“, also Illegale, betraten hier von Anfang August bis Mitte September unter Lebensgefahr die Zone von Schengen. Wie viele vorher kenterten und in der Bucht von Hammamat ertranken, kann man nicht einmal schätzen.

          Einer von Europas Grenzzäunen in der spanischen Exklave Ceuta

          Illegal, wenn denn ein Mensch illegal sein kann, ist an diesen Migranten ihre Herkunft aus den demographischen Boomregionen von Mittelost und Zentralafrika. Illegal agiert auf dem komplett überforderten Lampedusa aber vor allem der Staat. Italienische Menschenrechtler beklagen eine Situation der Rechtlosigkeit: „Fortwährend werden italienische Gesetze und internationale Abkommen verletzt; Menschen werden erniedrigend und entwürdigend behandelt.“ Gemeint sind gewaltsame Massenabschiebungen nach Libyen, das Zusammensperren von Frauen, Kindern und Männern, Abtransport ohne Identifizierung. Es sei nach den strengen Einwanderungsgesetzen der Regierung Berlusconi, die einen Anstellungsvertrag bereits jenseits der Sahelzone voraussetzen, „unmöglich, legal nach Italien zu kommen“.

          Lieber mit Blaskapelle und kostenlosen Windeln empfangen?

          Ob das schnell alternde Europa wirklich gut daran tut, arbeitswillige Frauen mit Kleinkindern, also potentiellen Rentenzahler, für teures Geld in die Sahara zurückzutransportieren, anstatt die Babys mit der Blaskapelle und kostenlosen Windeln zu empfangen? In jedem Fall beweist das Schicksal von Lampedusa, daß das Mittelmeer seinen Namen zu Recht trägt. Seit dreitausend Jahren trennt es nicht die Landmassen, sondern wird vielmehr von einem gemeinsamen Handels- und Verkehrsraum wie ein Binnensee umschlossen. Über das „Mediterraneo“ kamen die Etrusker und die Griechen, die Araber und die Normannen, die Byzantiner und die Spanier nach Italien. Und die Türken haben es ausgiebig versucht.

          Das apulische Otranto, das andere Eingangstor zu Italien jenseits der albanischen Küste, legten die Osmanen 1480 in Schutt und Asche, massakrierten die Einwohner und riefen damit in Europa, keine dreißig Jahre nach dem Fall Konstantinopels, Angst und Schrecken bis jenseits der Alpen hervor. Heute befindet sich hier ein großes Auffangzentrum für Illegale aus dem Osten. Das Ansinnen, die Türkei in die Europäische Union aufzunehmen, verdankt sich auch dem naiven Kalkül, die Menschenströme aus Vorderasien bereits dort hinten zu kanalisieren, wo die Völker aufeinander schlagen. Und doch wirkt der verzweifelte Versuch, der demographischen Wanderung mit Grenzen zu Assyrien und Mesopotamien Herr zu werden, am Mittelmeer wie ein Ausbund historischer Blindheit.

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