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Deutschlands Verantwortung : Gerade wart ihr noch der Osten

Zwei verschiedene Dinge

Dass Europa kein Projekt sein kann, liegt schon daran, dass es eine Tatsache ist. Man begeistert sich nicht für den Umstand, dass zwei und zwei vier ergibt - und genauso selbstverständlich könnte uns die Tatsächlichkeit Europas sein, wenn die, die unsere politischen Debatten führen, ein Bewusstsein davon hätten, dass Geschichte mehr und wichtiger ist als bloß die Chronologie der letzten hundert Jahre: Europa, als Ort der Künste und des kulturellen Austauschs, muss nicht erst geschaffen und beschworen werden. Seit dem Mittelalter richtete sich ein Buch, das in Paris geschrieben wurde, auch an ein deutsches Publikum, war ein Gemälde, das in Venedig entstand, auch englischen Augen ein Erstaunen, warf ein Gedanke, der in Königsberg gedacht wurde, Fragen in ganz Europa auf. Der Russe Tschaikowsky komponierte auch für ein italienisches Publikum, der Franzose Balzac wollte auch in Polen gelesen werden, der Deutsche Beethoven strich die Widmung der „Eroica“, als Bonaparte sich zum Kaiser krönte. Die Werke der Literatur mussten vielleicht in eine andere Sprache übersetzt werden, nicht aber in eine andere Kultur.

Womöglich, wenn er sich nicht nur mit Gesellschaft, Politik, politischer Theorie beschäftigt hätte, sondern auch mit den Künsten und der Literatur, womöglich wäre das ja auch Heinrich August Winkler, dem Historiker des Westens, aufgefallen: dass es einerseits Europa gibt. Und andererseits den Westen. Und dass beides leider ganz verschiedene Dinge sind.

Vorbei, aber noch nicht historisch

Russland, die Ukraine, das Baltikum, der Balkan, sie alle haben, früher oder später, damit begonnen, an jenem Austausch teilzunehmen, der Europa definiert.

An der Befreiungsgeschichte, die nach Winkler den Westen definiert, haben sie aber nicht teilgehabt - und damit gehen viele der Probleme los, die wir heute in und mit Europa haben.

Wo der Westen aufhört, geht Europa aber weiter, und schon die Frage, wo genau die Ostgrenze des Westens sei, ist so kompliziert, dass man davon Kopfschmerzen bekommt. Für die Engländer liegt der Nahe Osten auf dem Balkan, für die Franzosen hört rechts des Rheins der Westen auf, für den Rheinländer Konrad Adenauer lag Berlin schon fast in Asien. Für Winkler ist es mal die Elbe, die den Westen begrenzt, mal reicht der Westen so weit, wie man mit lateinischen Buchstaben schreibt. In den Jahren nach dem Wiener Kongress gehörten weder Preußen noch Österreich, die beiden deutschen Großmächte, zum Westen, in der Weimarer Republik wollten Linke wie Rechte lieber woanders als im Westen sein. Und jene vierzig Jahre, in welchen der Eiserne Vorhang zwischen Triest und Stettin die am genauesten gezogene Grenze war, die es je zwischen dem Westen und dem Osten gab, sind vorbei, sie sind uns aber längst noch nicht historisch geworden.

Eben angekommen

Und vermutlich ist das der Grund der vielen Miss- und Unverständnisse, der Grund, weshalb der Ruf des Majdans nach Europa meistens unerwidert blieb: Zu Europa gehört ihr doch eh, zum Westen habt ihr nie gehört. Der Grund, weshalb gerade die Deutschen so wenig Interesse für die Sorgen der Polen und der Balten haben: Gerade wart ihr doch noch der Osten, und jetzt wollt ihr westlicher als der Westen sein. Vielleicht ist es sogar der Grund, weshalb die Leute in Dresden so tun, als fürchteten sie sich vor etwas, das es bei ihnen gar nicht gibt: Ihr im Westen nennt uns Ostler, dabei gibt es viel weiter im Osten, dort, wo der Islam herkommt, die eigentliche Fremde. Wer Westen sein will, braucht irgendeinen Osten, um sich abzugrenzen.

Wir sprechen, wenn wir von den europäischen Werten sprechen, also meistens von den Rechten und Pflichten, welche der Westen als verbindlich betrachtet. Die Werte Draculas und Wladimir Putins meinen wir nicht. Und dass dieser Westen nicht bloß ein Terrain, sondern auch ein Projekt ist, alles andere als verschlossen in Richtung Osten, das hat Winkler ja besonders schön am Beispiel Deutschlands beschrieben, jenes Deutschlands, welches, einerseits, vom Ringen der Kaiser mit den Päpsten, bis hin zur Aufklärung und der Revolution, die in Deutschland nur die Köpfe erfasste, ein Schauplatz der Befreiungsgeschichte war. Und das trotzdem so lange darauf bestand, in der Mitte zwischen dem Osten und dem Westen zu stehen. „Der lange Weg nach Westen“ hat Winkler diesen Prozess genannt - obwohl Deutschland geographisch blieb, wo es war.

Darum geht es auch heute. Europa ist eine Tatsache. Der Westen ist ein Projekt. Man kann ihm beitreten, man kann sich auf den langen Weg machen. Wir Deutschen, die wir eben erst im Westen angekommen sind, sollten keinen Nachzügler abweisen.

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