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Europa in der Krise : Zurück zur Nation

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Der stärkste Wirtschaftsraum der Erde: Die Flaggen der EU-Mitgliedsstaaten vor dem Europäischen Parlament in Straßburg Bild: Frank Röth

Die Europäische Union war das Beste, was dem Kontinent passieren konnte. Im Laufe der Jahre ist sie zum Dämon geworden, unkontrollierbar, unabwählbar. Es gibt nur einen Weg, den Kollaps zu vermeiden.

          Die Europäische Union ist das Beste, was dem Kontinent seit dem Untergang des Römischen Reiches passieren konnte. Damit die so kreativen und expansiven Staaten des Abendlandes nicht mehr übereinander herfallen konnten, bedurfte es erst der Totalkatastrophe. Spätestens 1945 konnte kein vernünftiger Mensch mehr sein Heil im Nationalismus suchen. Die Europäische Idee war simpel: durch eine allmähliche Verflechtung der Volkswirtschaften würde bald jedes Motiv, ja jede logistische Möglichkeit zwischenstaatlicher Gewalt verunmöglicht. Wer schießt schon auf sich selbst? Würden alle Europäer erst einmal dieselben Produkte mit derselben Münze bezahlen, bräche unweigerlich der „Ewige Friede“ an, von dem bereits Kant geträumt hatte und den man mit etwas politischer Intelligenz auch schon 1913 hätte erlangen können.

          Nun ist der Traum von einem friedlich geeinten Europa wahr geworden. Der Kontinent ist administrativ und juristisch der stärkste Wirtschaftsraum der Erde. Ohne Binnenkonflikte, ohne Massenarmut, ohne Diktatur. Und dazu mit unerschöpflicher historischer Kultur und Kreativität. Und jetzt? Jetzt ist Europa am Ende. Die gemeinsame Währung kracht und wird von einem Häuflein verzweifelter Banker und Wirtschaftspolitiker mit Notkrediten zu monetärem Altpapier aufgepumpt. Die Zuwanderung lässt die EU von verzweifelten Massen als Todesroulette auf maroden Schaluppen im Mittelmeer erledigen. Bei der Befriedung von Nahost, führt jedes Land seinen eigenen Kolonialkrieg. Oder schaut dezent weg.

          Alles Böse kommt aus dem Ausland

          Heute lernen italienische Gemüsebauern drastisch, was ein gemeinsamer Markt ist: Wenn sie wegen gefährlicher Keime in Hamburg keine Ware mehr nach Russland verkaufen können. Und das Tohuwabohu geht weiter: Frankreich setzt auf Kernkraft direkt an der deutschen Grenze, während die Deutschen lieber Windräder schmieden wollen. Die Dänen bauen in der Schengenzone Container für frisches Grenzpersonal auf, weil alles Böse nun mal aus dem Ausland kommt. Und wer möchte einer finnischen Hausfrau oder einem slowakischen Fabrikarbeiter erklären, dass ihre Ersparnisse und ihre Renten jetzt leider futsch sind, weil diese bilanzbetrügerischen Griechen sich weiter mit dreiundfünfzig in der Sonne aalen wollen? Es geht noch simpler: Man versuche einmal, als Deutscher seinen Führerschein verlängern zu lassen, wenn man irgendwo draußen in Schengenland lebt. Unmöglich, solche Tollkühnheit ist im tonnenschweren Verordnungswesen von Brüssel gar nicht vorgesehen.

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          Ist es da ein Wunder, dass rabiate Politik gegen die EU derzeit mit rund zwanzig Prozent der Stimmen belohnt wird? Wohl eher ist es rätselhaft, dass die Schluss-jetzt-Fraktion einstweilen so klein bleibt. Dass Europa überhaupt noch Zustimmung erfährt, hat einzig mit der Vergangenheit zu tun. Seit fünfzig Jahren lief es doch prächtig. Die EU mit ihrem netzartig wachsenden Verordnungswesen, das alle Mitgliedsstaaten unmerklich verwob, ist durch die Hintertür eingeführt worden. Anfangs ging es nur um Stahl und Kriegsschrott und um die Eindämmung der gefährlichen Nazideutschen. Dann um eine Abstimmung der Kohleförderung. Dann der Stromproduktion. Dann um Verkehrsadern. Dann um Landwirtschaft. Dann um Zölle. Dann um die Justiz. Dann um Grenzkontrollen. Dann um die Währung. Und nun um alles.

          Ist das nicht das Paradies?

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