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Europa : Die griechische Fiktion

Auch für Leute, die sehr gut griechisch können, sind die Formulierungen des Wahlzettels rätselhaft Bild: Illustration Kat Menschik

Die Manieren sind nicht perfekt, die Diplomatie wirkt ungeschickt, die Regelverstöße sind manchmal ganz schön krass. Die Europäer aber sind vor allem deshalb so zornig mit Griechenland, weil es nicht so ist, wie sie es sich wünschen.

          In dieser Tagen, da die griechische Regierung, statt endlich ihre Schulden zu bezahlen, das Volk danach befragt, ob es sich überhaupt noch an die Regeln halten wolle, in diesen überhitzten Tagen scheint der größte Teil Europas sich darin einig zu sein, dass Alexis Tsipras und Giannis Varoufakis, der Regierungschef und der Finanzminister Griechenlands, die beiden schlimmsten politischen Bösewichte des ganzen Kontinents sind. Miserable Manieren, eine fragwürdige Moral, eine Ausdrucksweise, welche regelmäßig deutsche und andere europäische Politiker dazu zwingt, sich die Unverschämtheiten der Griechen zu verbitten.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Seit einem halben Jahr spricht Tsipras von Erpressung, Demütigung, Diktat, wo es doch nur um die berechtigten Forderungen von Griechenlands Gläubigern geht. Er nimmt sich heraus, die Deutschen an die ungetilgte Schuld aus dem Zweiten Weltkrieg zu erinnern. Und zu einem Zeitpunkt, da die Gläubiger dachten, man sei von einem Kompromiss nur noch ein paar Millionen Euro entfernt, brach Tsipras die Verhandlungen ab, kündigte an, das Volk zu befragen und forderte dieses Volk auf, mit Nein zu stimmen: Gerade so, als ob Griechenland ein Patient wäre, der, nach fünf Jahren einer Therapie, welche ihn immer kränker gemacht hat, beschlossen hätte, lieber an der eigenen Krankheit als an einer tödlichen Medizin sterben zu wollen.

          Und Varoufakis nervt seine Gesprächspartner schon dadurch, dass man seinen Mund als arrogant interpretieren kann und seine Kleidung als eitel. Ende April, bei einer Tagung in Riga, als er wieder mal extrem genervt war von dem Umstand, dass er, der erst seit ein paar Monaten regierte, für die gesamte Misere Griechenlands verantwortlich gemacht wurde, hat er ein Staatsbankett geschwänzt, weil er anscheinend die Gegenwart seiner Finanzminister-Kollegen nicht mehr ertrug.

          Europas intensives und enges Verhältnis zu Griechenland

          Ja, die Manieren sind nicht perfekt, die Diplomatie wirkt ungeschickt, die Regelverstöße sind manchmal ganz schön krass – aber wenn das, und nicht etwa die ungeheure Höhe der griechischen Schulden, wenn also nicht das Geld, sondern nur das Recht und die Moral die Kriterien vorgeben, nach welchen europäische Politiker, Regierungen, Staaten von den anderen Europäern bewertet werden: dann muss vielleicht doch daran erinnert werden, dass man Tsipras und Varoufakis bislang weder Korruption noch Wahlmanipulation und auch nicht die Unterdrückung elementarer Menschen- und Bürgerrechte vorwerfen kann. Während der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán die Medien einschüchtert, die Einführung der Todesstrafe immer mal wieder ins Spiel bringt und Flüchtlinge gern mit Kriminellen gleichsetzt. Während der rumänische Ministerpräsident Victor Ponta sich nur dank seiner Immunität einem Verfahren wegen Steuerhinterziehung, Geldwäsche und Korruption entziehen kann. Und während in Bulgarien die allgemeine Korruption so groß ist, dass das Volk immer wieder dagegen aufbegehrt. Das alles wird, in Brüssel, Paris oder Berlin, natürlich zur Kenntnis genommen, mit hochgezogenen Augenbrauen, damit die Leute in Ungarn, Rumänien und Bulgarien auch merken, dass diese Umtriebe nicht gutgeheißen werden.

          Wenn aber, angesichts griechischer Regelverstöße der Zorn und die Erregung so viel heftiger sind, kann das nur daran liegen, dass unser Verhältnis zu den Griechen ein sehr viel engeres und intensiveres ist. Das war ja schon damals so, vor zweihundert Jahren, als die Griechen damit anfingen, sich gegen die Herrschaft der Osmanen zu wehren – und ganz Europa ihnen, zumindest in Gedanken oder mit dem Herzen, zur Seite stand. Diese Bewegung, der damals sogenannte Philhellenismus, schuf, wie zum Beispiel Heinrich August Winkler schreibt, zum ersten Mal eine gesamteuropäische Öffentlichkeit. Und was die Europäer, vom englischen Dichter Lord Byron bis zum bayerischen König LudwigI., antrieb, war die Sympathie für ein Land, welchem man, zumal in der Epoche des Klassizismus, die Mythen und die Poesie, das Schönheitsideal und die Philosophie zu verdanken glaubte.

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