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EU-weiter Rassismus : Kein Zweifel an der Ohnmachtserfahrung

Protest, der abfärbt: „Black lives matter“ in St. Petersburg Bild: dpa

Überall in der EU sind vor allem junge Menschen vom strukturellen Rassismus überzeugt. Aber jedes Land in Europa führt seine Debatte auf die eigene Weise. Das liegt nicht nur an den unterschiedlichen Kolonialvergangenheiten.

          5 Min.

          Europa in diesen Wochen: Weil sie in den Augen der Behörden das Virus „einzuschleppen“ drohten, wurden viele Roma in Bulgarien in ihren Siedlungen eingesperrt. Ein Bürgermeister drohte sogar damit, die kargen Behausungen jenseits der bürgerlichen Viertel abreißen zu lassen. Dass Tausende Roma etwa aus Italien in ihre bulgarischen Dörfer zurückkehren mussten, lag natürlich daran, dass sie als Wanderarbeiter in der Corona-Krise zu den Ersten zählten, die ihre Jobs verloren. Wie aber arbeiten, wenn man sich von zu Hause nicht wegrühren darf? Die Pandemie in Europa wirkt im Sozialen wie ein Flammenwerfer, während hundert Meter weiter Leute mit der kleinen Gießkanne hantieren. Das ist die Lage, auch und gerade in Bezug auf Gleichbehandlung und Menschenrechte, die Werte, die der Vertrag der Europäischen Union in seinen ersten Artikeln so feierlich hochhält.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Die Proteste gegen den Tod des Afroamerikaners George Floyd, der in Minneapolis unter dem Knie eines weißen Polizisten starb, haben in europäischen Metropolen außerdem offenbart, dass besonders jüngere Menschen nicht an die moralische Überlegenheit Europas gegenüber den Vereinigten Staaten glauben. Sie sind eher davon überzeugt, der Kontinent der Aufklärung und des Wohlstands berge jede Menge strukturellen Rassismus. In Großbritannien wurde auf Demonstrationen an Polizeigewalt und alltägliche Diskriminierung, in Brüssel an König Leopold II. erinnert, der durch die Ausplünderung Kongos und die Versklavung seiner Bevölkerung Mitschuld am gewaltsamen Tod von Millionen Menschen trage. Belgischen Schulbüchern ist das bisher kaum eine Erwähnung wert, obwohl ein kleiner Gang durch die Literaturgeschichte genügt, um erdrückendes Material zu finden, von Joseph Conrad über Mark Twain bis zu dem (leider mittelmäßigen) Roman „Der Traum des Kelten“ des peruanischen Nobelpreisträgers Mario Vargas Llosa. Jetzt hat in Belgien mit großer Verspätung eine Geschichtsdebatte über die koloniale Vergangenheit begonnen, der sich auch das Königshaus nicht entziehen kann.

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