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EU-Urheberrechtsabstimmung : Anatomie eines Politik-Hacks

  • -Aktualisiert am

Beteiligung dubioser Werbenetzwerke

Eine weitergehende Analyse des Traffics der Seite saveyourinternet.eu ist sehr aufschlussreich.

Die meisten Besucher bis Ende Juni kamen aus Polen. Das könnte damit zusammenhängen, dass es polnische Herkunftsseiten gab, auf denen Werbebanner für die Aktion geschaltet wurden. Diese Banner wurden über das dubiose englisch/russische Werbenetzwerk Propellerads gebucht. Propellerads war nach einer Studie des britischen Unternehmens Incopro im Jahre 2015 das Nr. 2 Adnetzwerk, welches Piraterie-Seiten mittels Werbung finanziert. Auf illegalen Seiten, die Urheberrechte gewerbsmäßig verletzen, ist Propellerads ein fester Bestandteil der Werbe-Ausspielungen. Auch Besucher aus den Vereinigten Staaten, die während der Aktion immerhin Platz vier in der Besucherhitliste bei saveyourinternet.eu erreichen, konnten über die Tools Kontakt zu den EU-Abgeordneten aufnehmen.

Der amerikanische Blogger David Lowery beschreibt in seinem Blog „Thetrichordist“, wie es ihm selbst möglich war, mit EU-Abgeordneten im Vereinigten Königreich zu telefonieren. Wie uns mehrere EU-Abgeordnete mitgeteilt haben, erhielten sie, wie schon gesagt, 50.000 bis 70.000 E-Mails.

Gehen wir einmal davon aus, dass bei New/Mode das Full Toolkit (Best Value) für 50.000 Mails plus ein Nachschlag über 25.000 Mails geordert wurde, so hat die gesamte DDoS-Attacke gerade einmal 549 Dollar, also etwa 470 Euro, gekostet. Das sind rechnerisch nur 0,60 Euro pro Abgeordneter. Immer davon ausgehend, dass mit einem Klick mehrere EU Abgeordnete gleichzeitig mit Mails bombardiert wurden.

Von Leitfaden-Telefonanrufen bis Morddrohungen

Aber auch Wikipedia reihte sich in die Kampagne ein. Die Direktive ist für Wikipedia überhaupt nicht relevant, und so berief man sich allgemein auf den Angriff auf das freie Internet, von dem sich Wikipedia als Bestandteil versteht. Man stelle sich vor, das Kraftfahrtbundesamt ruft bestimmte VW-Modelle in die Werkstätten und BMW-Fahrer protestieren gegen den Angriff auf die Autofahrer. Die enge Verbindung von Julia Redas Büroleiter Mathias Schindler zu seinem ehemaligen Arbeitgeber – er war bis 2014 Projektmanager bei Wikimedia – war mit Sicherheit förderlich bei der Aktion.

Selbst Mozilla mischte mit. Die Newsletter-Abonnenten bekamen Aufrufe, die EU-Abgeordneten anzurufen. Allein viermal war der „Jetzt anrufen“- Button in dem Newsletter zu finden. Natürlich ist der Anruf kostenlos. Eine Organisation, die allein im Jahr 2016 mehr als 500 Millionen Dollar an Royalties für die Einbindung von Suchmaschinen in ihren Browser Firefox bekommt, kann sich so etwas locker leisten.

EU-Abgeordnete berichteten, die Anrufer hätten Gesprächsleitfäden benutzt. Es wurden also auch hier vorgefertigte Formulierungen verwendet. Rückfragen oder Gegenargumenten hatten die Anrufer wenig entgegenzusetzen. Vereinzelt wurden sogar Morddrohungen gegen die Parlamentarier ausgesprochen.

Der Mail-, Twitter- und Telefon-Terror blieb nicht ohne Konsequenzen. Viele EU-Abgeordnete blieben der Abstimmung fern, vielleicht nahmen sie die Morddrohungen ja ernst, und frühere Befürworter stimmten nun gegen die Direktive, möglicherweise hielten sie den Protest sogar für echt.

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