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EU-Urheberrechtsabstimmung : Anatomie eines Politik-Hacks

  • -Aktualisiert am

Solche Aktionen leiden unter der „Internet-90/9/1-Regel“, egal wie breit das Bündnis ist, das zur Demonstration aufgerufen hat: Neunzig Prozent der Konsumenten sind rein passiv im Netz unterwegs, neun Prozent klicken ab und an „gefällt mir“, und nur ein Prozent ist aktiv und stellt Dinge ins Netz.

Damit war das Pulver der Gegner der Richtlinie aber keineswegs verschossen. Denn jetzt kam die Stunde der Bots, der automatisch generierten Mails, der automatisiert hergestellten Anrufe und somit der wundersamen Vermehrung von Protest oder dem, was man dafür halten sollte. In der Woche vor der Abstimmung wurden die Mail-Postfächer der EU-Abgeordneten nämlich mit automatisch generierten Mails überflutet. Einige EU-Abgeordnete berichteten von zirka 60.000 Mails, die sie erreicht haben. Insgesamt sollen sechs Millionen Mails auf diese Weise an die EU-Abgeordneten geschickt worden sein. Man vergleiche das mit dem Grüppchen Demonstranten in Berlin.

Fast alle Mails waren inhaltsgleich, vorformuliert und vorformatiert, etliche mehrfach vom selben Absender, viel soll ja viel helfen. Dabei wurde häufig die Absende-Domain „Opendata.eu“ benutzt. Die Seite hat keine Inhalte, sie wurde von einer englischen Firma registriert, die mehrheitlich einem amerikanischen Unternehmen gehört, das mit Domainhandel und Dienstleistungen Geld verdient. Mit Bürgerrechtsinitiativen hat das alles nichts zu tun. War es dann doch zu heikel, hinterher für das Bombardement geradestehen zu müssen? Ähnlich verhielt es sich mit Twitter, auch da wurden die Accounts mit Spam, aber auch mit Drohungen geflutet.

Manipulationen von Amazon, Google, Facebook und Co.

Was war geschehen? Seiten wie zum Beispiel saveyourinternet.eu haben Werkzeuge zur Verfügung gestellt, mit denen solche Mail-Bombenteppiche erzeugt werden können. Unterstützer der Seite sind eine Reihe von Internetlobbyisten wie zum Beispiel die Electronic Frontier Foundation EFF.

Und wer steckt hinter safeyourinternet.eu? Die Kampagne wurde von der Organisation Copyright for Creativity (C4C) und deren Sekretariat N-Square organisiert. Das C4C hat 42 Mitglieder und wird nach eigenen Angaben im Wesentlichen von der Open Society Foundation (der Stiftung von George Soros) und der Computer & Communications Industry Organization finanziert. Mitglieder dieser amerikanischen Industrievereinigung sind unter anderem Amazon, Cloudflare, Facebook, Mozilla, Google oder Uber.

Zur Durchführung der Kampagne verlinkt N-Square (ein Lobbyunternehmen der KDC Group, welches unter anderem für Google arbeitet) auf diverse Kampagnenseiten. Es ist sehr unklar, wer dahintersteht, denn nur bei der Hälfte der an der saveyourinternet.eu-Kampagne beteiligten Partner- und Tool-Seiten findet man ein Impressum. Nicht einmal saveyourinternet.eu selbst hat ein Impressum, sondern nur Weiterverlinkungen. Die Impressumspflicht der E-Commerce-Richtlinie wird schlicht ignoriert.

Erst auf den zweiten Blick, über ein „Who-is-Lookup“, erfährt man, dass die Seite saveyourinternet.eu vom C4C registriert wurde. Das Konglomerat C4C, KDC Group, N-Square hat noch weitere Websites registriert, die bei diesem Hack eine Rolle spielen: fixcopyright.eu und voxscientia.eu. Bei beiden Seiten wird ebenfalls nicht offengelegt, wer sie erstellt hat. Nur über eine Who-is-Abfrage kann man diese wieder der KDC Group zuordnen.

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