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Open Access : Willkommen im geschlossenen System

Schafft Open Access mit den besten Absichten eine Monokultur? Bild: Wolfgang Eilmes

Die EU möchte wissenschaftliches Publizieren im Eiltempo auf Open Access umstellen. Kleinere Verlage werden leiden, kritische Bücher abseits des Mainstreams auch.

          Erfreuliche Nachrichten aus Brüssel: Die Produktion von Meilensteinen läuft in der EU-Wissenschaftspolitik gerade auf Hochtouren. Kaum ist die neue europäische Forschungscloud heraufgezogen, in der EU-geförderte Publikationen für jeden verfügbar Unterschlupf finden, da macht Forschungskommissar Carlos Moedas schon für den nächsten „lebensverändernden Schritt“ mobil. Denn die Minister des EU-Wettbewerbsrats haben sich darauf verständigt, alle öffentlich finanzierten wissenschaftlichen Publikationen auf Open Access umzustellen: Nach sechs Monaten müssen naturwissenschaftliche, nach zwölf Monaten geisteswissenschaftliche Publikationen inklusive der Daten frei zugänglich sein.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Zwar hat die Vereinbarung keine Rechtskraft, jedes Land kann sie ungestraft ignorieren. Trotzdem wird sie als Meilenstein auf dem Weg zur offenen Wissenschaft gefeiert, haben sich doch erstmals alle Staaten einstimmig zur grundlegenden Reform des wissenschaftlichen Publikationsystems bekannt. Der Zeitplan ist sportlich: Bis 2020 soll der Strukturwandel abgeschlossen sein. Die Niederlande, die den Vorsitz führten, haben dafür kräftig die Werbetrommel gerührt, lassen sich für denselben Prozess in ihrer nationalen Agenda aber kurioserweise bis 2024 Zeit. Man kann den Zeitplan also mit guten Gründen für utopisch halten und in der Vereinbarung eher den Ausdruck des konzertierten Willens sehen.

          Strukturwandel in beschleunigtem Tempo

          Eine Wirkung wird sie aber in jedem Fall haben. Die Zeit der Diskussionen über Open Access sei vorbei, sagte die federführende niederländische Kultusministerin Sandra Dekker. Jetzt werde gehandelt. Anreize und Selbstverpflichtungen haben sich die großen Forschungsinstitutionen von der Max-Planck-Gesellschaft bis zur Helmholtz-Gemeinschaft ja längst gegeben. Die DFG verteilte für ihr Open Access-Programm bisher über zehn Millionen Euro an die Hochschulen. Gemessen an den neuen Ansprüchen, ist das aber nur ein bescheidener Anfang.

          Betrachtet man die aktuelle Open-Access-Quote, die in Deutschland in den vergangenen fünfzehn Jahren von null auf großzügig geschätzte zwanzig Prozent stieg, bleibt für die übrigen achtzig Prozent nur ein knappes Viertel der Zeit. Ein veritabler Ruck müsste durch Universitäten, Verlage, Forschungsinstitute und Ministerien gehen. Publikationsfonds müssten in großem Stil aufgebaut und umgeschichtet werden. Denn Open Access verringert zwar die Kosten, ist aber nicht umsonst. Der Autor zahlt eine Publikationsgebühr.

          Bei ausreichenden Zuschüssen kann dieses Modell auch für Verlage rentabel sein. Schließlich werden die Budgets für die Anschaffung von Zeitschriften und Büchern frei. Wofür die Universitäten die Mittel verwenden und ob sie diese nicht lieber in die eigenen Open-Access-Plattformen stecken, ist aber nicht abzusehen. Fragwürdig ist vor allem der Versuch, einen Prozess, der in den letzten fünfzehn Jahren eher in kleinen Schritten voranging, im Zeitraffer über die Ziellinie zu bringen. Man reißt dann vielleicht Strukturen ein, bevor neue vorhanden sind. Neue Ansätze, die das verlegerische Subskriptionsmodell mit Open Access zusammenführen, sind erst im Aufbau. Für Monographien hat sich noch kein Verfahren eingespielt. Bisher ist Open Access primär auf Zeitschriften ausgerichtet. In der neuen Richtlinie sind aber plötzlich alle Publikationsformen inbegriffen.

          Ungewollte Nebenfolgen

          Zweifellos ist Open Access für die Wissenschaft ein Befreiungsschlag. Es setzt dem Missstand ein Ende, dass mit öffentlichen Geldern bezahlte Wissenschaftler ihre Publikationen kostenlos an Verlage abtreten, von denen sie die Bibliotheken zu horrenden Preisen zurückkaufen müssen – oft ohne substantiellen verlegerischen Beitrag. Das Oligopol der Großverlage (Springer, Elsevier, Wiley) erzielt damit traumhafte Gewinnmargen zwischen 25 und 35 Prozent. Und die wenigsten Daten sind bisher frei – für die Forschung ein erheblicher Nachteil. Dass dieses System abgeschafft wird, ist kein Grund zur Trauer.

          Die ungewollte Nebenfolge ist aber, dass im gleichen Zug die vielfältige Landschaft von kleinen und mittleren Verlagen absehbar ein zweites Mal zugunsten der Großverlage Schaden nehmen wird. Diese sind nicht nur Vorreiter bei der Umstellung auf Open Access; die Nationallizenzen, die deutsche Universitätsbibliotheken derzeit aushandeln und die auch Open-Access-Klauseln vorsehen, richten sich vorrangig an die Großverlage.

          Für die Naturwissenschaftler ist der Verlust des Papiermediums kein Grund zur Klage. Man ist längst zu digitalen Formaten übergegangen. Auch Geisteswissenschaftler profitieren vom schnelleren Zugang, lässt man einmal beiseite, dass er das Gefälle zwischen publizierten und gelesenen Texten vergrößert. Ein Sonderrecht für literarische und geisteswissenschaftliche Kleinverlage, die an Papierform und Monografie festhalten, kann es nicht geben. Die Naturwissenschaften können nicht in Sippenhaft genommen werden für Eigenheiten des geisteswissenschaftlichen Publikationsbetriebs.

          „Open Science“ als geschlossenes System

          Genauso ungerecht ist ein einseitig auf die Naturwissenschaften ausgerichtetes Modell. In der neuen Richtlinie ist von den Humanities kein Wort zu lesen. Was nur den erstaunt, der die Prioritäten der EU-Forschungspolitik nicht kennt. Die Geisteswissenschaften waren im EU-Forschungsprogramm „Horizon 2020“ nicht einmal vorgesehen und wurden erst nach Protesten nachträglich in einem Querschnittsprogramm untergebracht.

          Die in den Geistes- und Sozialwissenschaften angesiedelte kritische Intelligenz wird durch die Vereinbarung nicht gefördert. Unter dem Namen Open Science schafft sie paradoxerweise ein geschlossenes, selbstreferentielles System, in dem nicht mehr der individuelle Markterfolg oder das Urteil des Lektors, sondern universitäre Gremien über den Zuschlag für Publikationen entscheiden. Wie hoch soll der Berg akademischer Gutachten eigentlich noch wachsen?

          Zweifellos hat der Markt nicht nur Segen gebracht, aber zumindest verhindert, dass sich akademische Vetternwirtschaft bis in die letzte Faser des Publikationssystems fortsetzt. Wissenschaftskritischen und vom Mainstream abweichenden Büchern steht eine schwere Zukunft bevor. Den Druck werden nur noch die Starliga der Sloterdijks und Žižeks lohnen oder Themen von besonderer Brisanz. Doch auch ein Sloterdijk musste sich die Anerkennung außerhalb universitärer Strukturen auf dem Buchmarkt erkämpfen. Hier wird nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein intellektuelles Milieu trockengelegt. Das Artensterben unter den Verlagen hat längst begonnen. Die Raps- und Maisfelder der Landwirtschaft sind die Koch- und Ratgeberbücher der Verlagsproduktion.

          Eine paradoxe Strategie

          Abseits von ökonomischen Fragen kann es weder der Öffentlichkeit noch den Verlegern recht sein, dass Verlage ihre Einnahmen allein aus staatlichen Zuschüssen bestreiten, wenn dadurch der Kontakt zur Öffentlichkeit schwindet. Der Bund steckt Millionen in Programme für die öffentliche Sichtbarkeit der Hochschulen und nebenan, auf europäischer Ebene, wird das Ziel torpediert. Strategie und Zeitgefühl sind nicht zu erkennen. Die Verlage sind in den letzten zwölf Monaten durch zwei umstrittene Gerichtsurteile hart getroffen: Der Wegfall der VG-Wort-Einnahmen (zugunsten der Autoren) und das Urteil zu den elektronischen Leseplätzen, das den Bibliotheken die digitale Vervielfältigung urheberrechtlich geschützter Werke erlaubt, bringen ihnen große Verluste.

          Ein Grund, ihnen für den Übergang Zeit zu lassen? Lieber erwischt man sie kalt. Zwar sind die Verlage über die Open Science Policy Platform in den Prozess einbezogen, doch das scheint eine Geheimgesellschaft zu sein. Die neue Richtlinie ist im Internet kaum zu finden und wurde den Verlagen nicht kommuniziert. Über diese Paradoxie lässt sich nur staunen: Der nationale Gesetzgeber stärkt mit dem VG-Wort-Urteil die Rechte der Autoren, der europäische Ministerrat beschneidet ihnen hinterher mit der Publikationspflicht die grundrechtlich garantierte Verfügungsgewalt über ihr geistiges Eigentum.

          Die Initiative liegt nun bei den Einzelstaaten. Die seit Monaten stockende Reform des deutschen Wissenschaftsurheberrechts muss einen gordischen Knoten durchschlagen und die Schwelle für die parallele Publikationspflicht mit Augenmaß bestimmen. Soll sie schon gelten, wenn der Autor sein Monatsgehalt vom Staat bezieht? Die Richtlinien sind glücklicherweise so schwammig formuliert, dass sie dem nationalen Gesetzgeber viel Freiraum lassen. Hoffentlich nutzt er ihn.

          Demokratie per Buch

          Wie man die Richtlinie aber dreht und wendet: sie ist ein Grabstein für das gedruckte Buch. Die Verlage werden sich zweimal überlegen, welches Werk den Druck noch lohnt. Es werden nicht mehr, sondern viel weniger sein oder billige On-demand-Ausgaben. Bibliotheken können durch Computerterminals ersetzt werden. Das Lesen und Leihen lässt sich – bequem und praktisch – von zu Hause aus besorgen. Man kann dort auch viel besser Pizza essen und zwischendurch mal Fernsehen.

          Der öffentliche Diskurs braucht aber den geteilten intellektuellen Raum und das gegenüber Online-Medien langsamere Rezeptionstempo des Buchs. Wer möchte nach dem Scheitern der „Facebook-Revolution“ im Maghreb und der „Twitter-Revolution“ in Iran und dem weltweiten Aufstieg des Populismus schließlich noch ernsthaft behaupten, dass digitale Medien die Welt per se demokratischer machen.

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