https://www.faz.net/-gqz-a1kon

Interview mit EU-Stipendiatin : Ich bin von Europa sehr enttäuscht

  • -Aktualisiert am

Embryonenbild: Auf der linken Seite die Blastozyste direkt vor der Einnistung Bild: privat

Die Pandemie trifft die Biochemikerin Antonia Weberling schwer. Von der Europäischen Union fühlt sie sich im Stich gelassen. Also nimmt sie die Sache selbst in die Hand.

          3 Min.

          Woran forschen Sie?

          Ich bin im Bereich der frühen Embryonalentwicklung tätig. Genauer befasse ich mich mit dem Prozess der Einnistung des Embryos in den Uterus, ein Entwicklungsschritt, der bei dreißig Prozent aller menschlichen Schwangerschaften fehlschlägt. Wir beginnen gerade erst, die dahinterliegenden Mechanismen zu verstehen.

          Wie hat der Ausbruch der Corona-Epidemie Ihre Arbeit beeinflusst?

          Er hat sie komplett über den Haufen geworfen. Unser Labor musste schließen, und wir mussten fast alle unsere Mäuse, die wir als Modellorganismus verwenden, töten. Nun machen die Labore wieder auf, doch bevor wir unsere Forschung wiederaufnehmen können, müssen wir erst unsere Mauslinien wieder hochzüchten. Was noch einmal etwa drei Monate dauert. Meine Forschung ist also um sechs Monate zurückgeworfen.

          Das klingt dramatisch. Wie ist es um Ihre Finanzierung bestellt?

          Ich bin Marie-Skłodowska-Curie-Stipendiatin des europäischen Trainingsnetzwerks Image-In-Life, das durch den EU Horizon 2020 Grant finanziert wird. Da meine Doktorarbeit auf drei Jahre angelegt ist, läuft mein Stipendium im Dezember aus. Ich leite fünf verschiedene Projekte, die alle einen anderen Teil des Prozesses der Einnistung beleuchten. Durch den Lockdown und die damit einhergehenden Verzögerungen ist es mir unmöglich, meine Projekte bis Dezember fertigzustellen.

          Die Biochemikerin Antonia Weberling
          Die Biochemikerin Antonia Weberling : Bild: privat

          Was wurden Ihnen gesagt, als Sie um eine Verlängerung Ihres Stipendiums gebeten haben?

          Dass es nicht möglich sei, eine bezahlte Verlängerung des Stipendiums zu erhalten, und dass auch kein Notfalltopf geschaffen würde, bei dem sich junge Forscher um Übergangsstipendien bewerben können, um ihre Forschung zu beenden. Es gebe dafür keinen Präzedenzfall, wurde mir gesagt. Daraufhin habe ich eine formelle Beschwerde beim Ombudsmann der EU eingereicht und einen offenen Brief an Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen geschrieben, in dem ich sie um eine bezahlte Verlängerung aller EU-geförderten Doktorandenstipendien um drei bis sechs Monate bitte. Ich habe den Brief auf Twitter und Facebook veröffentlicht und konnte feststellen, dass ich kein Einzelfall bin, sondern dass es vielen Promotionsstudenten europaweit gerade genauso geht wie mir. Ich erhielt Zuschriften von Doktoranden aus Deutschland, den Niederlanden, Griechenland, Frankreich, Spanien und UK, die alle versicherten, dass sie das gleiche Problem haben.

          Hat sich daraus so etwas wie eine Solidaritätsbewegung zwischen europäischen Promotionsstudenten ergeben?

          Zumindest konnte ich bei einer anonymen Online-Petition bereits mehrere hundert Unterschriften sammeln. Gleichzeitig scheuen sich aber auch viele zu unterschreiben, weil sie fürchten, dann erst recht keine Förderung mehr zu bekommen, oder weil sie denken, dass wir von der Politik sowieso nicht gehört werden.

          Wären Sie in einer anderen Lage, wenn Sie ein deutsches oder britisches Stipendium hätten?

          Alle Stipendien, die beispielsweise von britischen Stiftungen vergeben werden, wurden für sechs Monate verlängert, in Deutschland haben diverse Stiftungen ihre Stipendiaten ebenfalls verlängert. Viele andere europäische Staaten haben meines Wissens nach Programme eingeführt, um ihren Stipendiaten zu helfen. Doch als EU-Stipendiaten sitzen wir zwischen allen Stühlen.

          Mit welchem Gefühl schauen Sie gerade auf die Europäische Union?

          Um ehrlich zu sein, bin ich unendlich enttäuscht. Ich war immer stolz darauf, Europäerin sein zu dürfen. Jetzt muss ich miterleben, wie die EU auf der einen Seite die Wichtigkeit von Grundlagenforschung vor dem Hintergrund der Corona-Krise propagiert und uns gleichzeitig daran hindert, unsere Forschung an den Grundlagen von Krebs, einer Krankheit mit rund 240 000 Todesopfern im Jahr allein in Deutschland, an Unfruchtbarkeit, einem massiv wachsenden Problem in Europa, an Tuberkulose, die pro Jahr 1,5 Millionen Todesopfer weltweit fordert, und an den Grundlagen viraler und bakterieller Infektionen zu beenden. Wenn die EU solche Forschung nicht unterstützt, dann disqualifiziert sie sich als Standort für Grundlagenforschung.

          Ist es problematisch, dass die Forschung an Corona in der Medizin gerade alles andere überschattet?

          Zumindest durfte jedes Labor, das in irgendeiner Weise eine Verbindung zu Corona vorweisen konnte, während des Lockdowns weiterforschen. Die Corona-Forschung steht gerade sehr im Fokus, darüber wird der Rest vergessen.

          Wenn Ihnen niemand hilft, wie viele Mäuse sind dann umsonst gestorben?

          Es geht um Abertausende Tiere. Nicht nur die Tiere, die wir wegen des Lockdowns töten mussten, sondern auch all jene, die wir für unsere Forschung über die letzten Jahre genutzt haben. Wir vom akademischen Mittelbau haben viel Kraft und Zeit investiert. Wir leben für unsere Forschung, denn wir wollen irgendwann einmal Menschenleben damit retten. Die Politik sollte im Gegenzug nicht mit unserer Existenz spielen. Wir stehen gerade wirklich professionell und persönlich vor dem Aus.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nordkoreas Machthaber Kim : Stalinist mit PR-Qualitäten

          Tausendsassa, Basketballfan und Trumps Männerfreund: Seit zehn Jahren ist Kim Jong-un der starke Mann in Nordkorea – seit knapp neun an der Spitze des Regimes. Dabei ist der skurrile Diktator Projektionsfläche für Wünsche und Erwartungen. Doch als Reformer enttäuscht er auf ganzer Linie.
          Spendet Wärme trotz Kälte: der Heizpilz.

          Neues Image in der Krise : Ein Pilz als Restaurant-Retter?

          Weil er zu viel Kohlendioxid in die Luft bläst, ist der Heizpilz bislang in vielen Städten verboten. Doch jetzt werden viele Verbote aufgehoben, denn der Heizpilz soll die Gastronomie retten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.