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Estlands Eisenbahn : Der Preis für ein Baltisches Bullerbü

  • -Aktualisiert am

Nur museal: Eine Dampflok vor dem alten Bahnhof in Haapsalu (Estland). Bild: Picture-Alliance

Die Rail Baltica soll Estland über Polen ans deutsche Eisenbahnnetz anschließen. Doch die nationalkonservative Partei EKRE will das verhindern. Gleichzeitig gerät die Fährverbindung nach Finnland in Schwierigkeiten. Damit droht Estland die Selbstisolation.

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          Das ist eine Entscheidung von europäischer Tragweite. Die Rail Baltica wird nicht weitergebaut werden. Das teilte der Vorsitzende der Estnischen Konservativen Volkspartei (EKRE) und zugleich Innenminister der Republik Estland, Mart Helme, Anfang Mai mit. „Ja“, räumte er ein, „es werden noch einige Grundstücke gekauft, und manche Typen bekommen auch noch Gehalt, aber eigentlich steht das Projekt still. Und in vielerlei Hinsicht dank uns.“

          Die Rail Baltica ist ein anspruchsvolles Vorhaben, wodurch Estland durch das gesamte Baltikum über Warschau bis ans deutsche Eisenbahnnetz angeschlossen werden soll – mit einer Höchstgeschwindigkeit der Züge von zweihundertfünfzig Kilometern pro Stunde. Die Strecke Tallinn-Warschau wäre in sechs Stunden zu schaffen. Bis zu fünfundachtzigProzent würde das Projekt durch Gelder der Europäischen Union finanziert. Aber von Anfang an, seit den neunziger Jahren, stieß der Plan im Baltikum auf Widerstand. Liberale Regierungen wollen die Linie bauen, die konservativen Bewegungen blockieren sie. Glaubt man den Kritikern, so sei bei der Bahnverbindung kaum mit Gewinn zu rechnen; und – vor allem – zerstöre sie die Natur. Aus diesem Grund zeigen sich auch die estnischen Grünen dem Projekt gegenüber reserviert und geben sogar dem Lkw-Verkehr den Vorzug. Zudem wird die Nähe zu Mitteleuropa für die Exklusivität der estnischen Kultur als Gefahr empfunden.

          Die Aussage Helmes kommt weder überraschend, noch ist sie endgültig. Denn auch Estland kennt die tägliche Liturgie der Politik: Erst wirft man mit provokanten Statements der Wählerschaft einen Bissen Fleisch vor, dann putzen andere Leute den Schlachthof. Der Premierminister Jüri Ratas (von der Zentralpartei, selbst allerdings EKRE nahestehend) und andere Minister aus der Regierung stellten klar, dass EKRE weiterhin das Regierungsprogramm mittrage und die Baupläne der Rail Baltica weiterverfolgt würden. Lettland distanzierte sich vom Streit und erklärte, das sei ein innerestnisches Problem.

          Dieses Problem allerdings begleitet Estland seit der Geburt der Eisenbahn. Karl von Meck, Ehemann der wichtigsten Förderin von Peter Tschaikowsky, Nadeschda von Meck, baute russische Eisenbahnlinien abseits von Estland. Es war ein Baltendeutscher, Alexander von der Pahlen, der aus Sorge, Estland könnte bei der starken Verbindung St. Petersburg– Riga–Warschau ins Hintertreffen geraten, privat die Strecke von Petersburg über Narva nach Tallinn bauen ließ. Die Linie wurde als „Apfelsinenbahn“ lächerlich gemacht, weil sie nur Südfrüchte vom Tallinner Hafen nach Petersburg brachte, ohne dass die Esten einen Nutzen davon gehabt hätten. Als die Bahnstrecke 1905 bis nach Haapsalu verlängert wurde und das Ostseebad einen zaristischen Bahnhof erhielt, den später sowohl sowjetische Filme als auch Ilon Wikland – die Stammzeichnerin von Astrid Lindgren – weltbekannt machten, waren die Streitereien vergessen. Allerdings fehlte mit dem Ende der Sowjetunion der Bedarf nach erstklassiger militärischer Logistik: Die junge estnische Republik ließ die Eisenbahn untergehen. Die Gleise nach Haapsalu wurden ausgehoben; der Bahnhof, einst Endpunkt eines Netzes, das Weltmetropolen verband, wurde zu einem Geisterhof.

          Finnlands Desinteresse

          Vor wenigen Wochen spürten nun die Einheimischen die verkehrstechnische Isolation Estlands. Im Land gibt es wenig Flugverkehr; Tallinn ist schwer zu erreichen. Die Eisenbahn existiert praktisch nur lokal und verfügt im Güterverkehr über keine moderne Infrastruktur. Der größte wirtschaftliche Stolz Estlands, die Reederei Tallink, die auch für die Fährverbindung über den Finnischen Meerbusen sorgt, stand vor dem Untergang. Denn die finnische Politik zeigte der estnischen Regierung die kalte Schulter, als diese mit dem Ersuchen an das Nachbarland herantrat, eine gemeinsame Quarantänezone während der Corona-Pandemie zu bilden, um das Unternehmen Tallink zu retten und die Beweglichkeit Zigtausender estnischer Pendler in Finnland zu gewährleisten. Auf drastische Weise wurde Estland seine Situation klargemacht: Es ist abgeschnitten von der Welt, mit der großen Gefahr, infrastrukturell in die Bedeutungslosigkeit zu versinken.

          EKRE-Wähler wollen genau das: ihr Bild von Estland als baltisches Bullerbü erhalten. Die Liberalen haben anderes vor. Und sie sind es, die aus Brüssel Geld bekommen. Wahrscheinlich wird die Rail Baltica weitergebaut. Denn der Preis, den Estland für sein jahrzehntelanges provinzielles Gezänk und das kalte Desinteresse Finnlands zu zahlen hätte, wäre das Abgeschnittensein von der Strecke Berlin–Riga. Und dieser Preis wäre zu groß.

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