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Estland als Avantgarde Europas : Ein digitales Wunderland voller Selbstzweifel

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„Wir spielen das beliebte Spiel nicht mit, dass alles Schlechte von Brüssel kommt und alles Gute von zu Hause“: 2016 gelangte die damals 46 Jahre alte Kersti Kaljulaid als erste Frau an die Spitze Estlands. Bild: Reuters

Das kleine Estland hat hart um seine Rolle als digitaler Vorreiter gekämpft. Präsidentin Kersti Kaljulaid erklärt, warum ihre Heimat so verwundbar wie ehrgeizig ist.

          Für die journalistische Schadenfreude finnischer Abendzeitungen war es ein gefundenes Fressen: Angela Merkel, erschöpft und übermüdet, schlief während des Vortrags der estnischen Präsidentin Kersti Kaljulaid einfach ein. Vor allen Kameras, beim EU-Gipfeltreffen in Tallinn! In Deutschland, England oder Frankreich taugte Merkels Nickerchen nicht für Schlagzeilen. Denn obwohl Estland aktuell die Ratspräsidentschaft der Europäischen Union innehat, ist Estlands Aufmerksamkeitsbilanz im Westen, anders als in Finnland, kein Anlass zu Neid oder Spott.

          Dabei galt dieses Treffen der Staats- und Regierungschefs dem Stolz Estlands, der Digitalisierung der Gesellschaft. Doch gerade auf diesem Feld wurde es in den letzten Monaten ziemlich ungemütlich. Die digitale Exzellenz nämlich, also die Tatsache, dass die Bürger Estlands vom Computer aus ihr ganzes Leben steuern können, hatte ein Leck bekommen.

          Das sei alles nicht so schlimm und werde schnellstmöglich repariert, versicherte die estnische Regierung, doch ausländische IT-Experten warnten, dass beispielsweise Russland Kaljulaids ID-Karte hacken und in ihrem Namen Dokumente unterschreiben könnte, wenn es nur wolle. Leise und flink bemühte sich der estnische Staat, die Dinge wieder in den Griff zu kriegen.

          Aufstieg zum digitalen Avantgardisten

          Mit Erfolg, wie die jüngste Versammlung des nationalen Sicherheitsrates sich selbst bescheinigte. Allerdings attestierte die Präsidentin ihrem Stab bei der Krisenbewältigung keine Bestnote, sondern nur eine Zwei plus.

          Das kleine Land hat zweieinhalb Jahrzehnte hart gearbeitet, um im internationalen Wettbewerb als digitaler Avantgardist dazustehen. Noch vor dreißig Jahren war die baltische Republik ein stickiges sowjetisches Hinterland, voll mit Plattenbauten und russischsprachigem Militärproletariat. Die Esten lebten in einem Zustand ständiger Erniedrigung und Hilflosigkeit, ihr Land war okkupiert. Doch Estland hat es schnell geschafft, sich aus diesem Sumpf herauszuziehen, und zwar so zielstrebig, dass das Land, als es 2004 der EU beitrat, bei den Alt-Mitgliedern auf keinerlei Misstrauen stieß.

          „Unsere Situation ist ganz anders als bei den Balkan-Staaten“, sagt Kaljulaid. Auf dem Balkan ließ man die EU ziemlich unverblümt wissen: „Ohne Beitrittsperspektive hat es keinen Sinn, dass wir uns um Demokratie und Freiheit bemühen.“ Für die Esten sei das anders gewesen. Sie kamen auf die EU zu mit der Bitte: „Nehmt uns auf, damit wir unsere Demokratie, für die wir uns selbst entschieden haben, verteidigen können. Wir wollen ein Land sein wie Finnland, wie Schweden, wie ein normaler westeuropäischer Staat.“

          Estland steht unter enormer Spannung

          Allerdings war dafür auch ein Preis zu zahlen: Estland steht unter enormer Spannung. Wo die Medien den Leuten die tägliche Dosis Selbstlob verabreichen, weiß man im Lande von genügend Fällen, bei denen digitale Personalausweise in Altersheimen von den Direktoren zusammen mit den PIN-Codes gesammelt wurden, um bei den Lokalwahlen dem Kandidaten des Direktors viele Stimmen zu verschaffen. Zudem lebt die Bevölkerung weiterhin in einem chronischen Unterwerfungsgefühl und glaubt an Verschwörungstheorien aller Art. Bücher des Schriftstellers Jüri Lina, in denen die Sowjetunion als jüdischer Geheimplan beschrieben wird, um die Menschen der Erde zu versklaven, sind in Estland verlässliche Bestseller gewesen. Und obwohl die Statistik offizieller Kirchenbindung dem Land keine nennenswerte Religiosität bescheinigt, neigen viele neuen Sekten aller Art zu, sind von astrologischen Fernsehsendungen gebannt oder experimentieren mit der Heilkraft von Kristallen. In einem Land, das traditionell im Luthertum verankert war, ist heute der Katholizismus für viele Intellektuelle attraktiv.

          In diesem Land gelangte nun 2016 die damals 46 Jahre alte Kersti Kaljulaid als erste Frau an die Spitze des Staates. Sie setzt auf Vernunft und Nüchternheit. Vertrauen bei den eigenen Bürgern verschaffte sie sich mit außenpolitischem Ehrgeiz: „Mir scheint“, erzählt sie, „von Lennart Meri an“, also dem ersten Präsidenten nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit, „konnten wir uns, als kleiner Staat, Worte und Wendungen erlauben, die den großen Ländern nicht zugestanden hätten.“ Sie bringt ein Beispiel: „Als ich bei meinem Vortrag für die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin über die entstehenden Nato-Militärbasen in Litauen sagte, dass die Anwesenheit der Deutschen in Ost-Europa etwas sei, wovon die Stabilität des ganzen Kontinents profitiere, und jeder, der hier widerspreche, Propaganda im Dienste der EU-Gegner betreibe, sah ich, wie dankbar die deutschen Politiker waren. Sie selbst hätten das nicht aussprechen dürfen.“ Nato und EU haben Estland eine Lizenz erteilt, gegen die sich Länder wie Finnland oder Schweden früher sträubten: nämlich Russland mutig Paroli zu bieten. Dieser sicherheitspolitische Ruck ging schon mit Kaljulaids Vorgänger, Toomas Henrik Ilves, durch die Diplomatie.

          Innenpolitisch will Kaljulaid den konsequenten Säkularismus des Staates nicht nur vor dem diffusen Spiritismus der Bevölkerung schützen, sondern auch gegen die Herausforderungen der Migration: „Wir halten die Religion grundsätzlich fern von den Fragen unseres Staats. Bei uns gibt es keine Gebetspausen in den Schulen und auch keine Lebensmittel nach Halal-Vorschriften!“ Zugleich will sie aber auch einer innenpolitischen Europaskepsis vorbeugen. „Wir spielen das beliebte Spiel nicht mit, dass alles Schlechte von Brüssel kommt und alles Gute von zu Hause. Wir können es uns nicht leisten, dass wir die EU im eigenen Land zur Geisel machen“, erklärt Kaljulaid.

          Mut und Entmutigung gehören zum Estentum

          Auf der anderen Seite der digitalen Erfolgsgeschichte steht die Tatsache, dass viele Esten in ihrem Land nicht wohnen wollen oder können. Anfang der neunziger Jahre betraf das zunächst die Intellektuellen, ab der Jahrtausendwende auch die Arbeiter, die massenhaft nach Finnland oder Norwegen zogen. Weil der Staat dank der Digitalisierung so gut zu erreichen ist, nehmen viele Esten ihn in der Brieftasche einfach mit und wohnen in einem anderen Land, sind aber offiziell noch in Estland registriert. Um dieser Täuschung auf die Schliche zu kommen, muss man nur die verschiedenen Migrationsstatistiken vergleichen: In Estland sagt der Zensus, dass jedes Jahr ungefähr dreißig bis fünfzig Menschen nach Dänemark umziehen. Dänemark selbst aber verzeichnet jährlich eine Zuwanderung von hundertsiebzig bis zweihundertfünfzig Esten. Für Schweden stehen den estnischen Angaben von hundert bis zweihundert Auswanderern eigene Zahlen von fünf- bis sechshundert estnischen Einwanderern pro Jahr gegenüber. Für eine Bevölkerung um eine Million Menschen sind solche Jahresmengen hoch.

          Besonders die Jugend verlässt das Land: zum Studieren, um dann nicht mehr zurückzukommen. Während des letzten Sängerfestes, das die Erinnerung an die Singende Revolution lebendig hält, sprachen die Leute in den estnischen Medien offen darüber, warum sie nicht in Estland bleiben können: weil das Lohnniveau niedrig ist; weil das Leben außerhalb der Hauptstadt Tallinn wenig Hoffnung macht; weil alle, die im Ausland studiert und akademische Grade erworben haben, in Estland keine Arbeit finden können wegen der Ressentiments der Esten, die daheim blieben. Das mentale Klima im Land ist rauh. Gerade Auslandserfolge neidet man einander, besonders unter Akademikern.

          Selbstzweifel und Schwelbrände

          „Das geistige Klima in unserer Gesellschaft“, sagt nach längerem Überlegen auch Kaljulaid, „ist durch eine starke Abgeschlossenheit bestimmt. Die fünfzig Jahre Okkupation, in denen man nichts anderes sah als sich selbst und in denen man keine Verantwortung für den eigenen Platz in der Welt übernehmen musste, haben uns in gewisser Weise entmutigt.“ Mut und Entmutigung – beides gehört seit Urzeiten zum Estentum: Mut zu Hause, Entmutigung in der großen Welt. Seit der Wende und der Erfolgsgeschichte des digitalen Staates ist das Verhältnis umgedreht. Das muss nicht verwundern. Wo der Ehrgeiz nach kulturellem, politischem und ökonomischem Anschluss an den Westen das Land unglaublich schnell veränderte, blieb alles Vergangene – Wut, Misstrauen, Demütigung – unbearbeitet. Estland hat nie sich wirklich mit der sowjetischen Okkupation, mit Kollaboration, Spitzelei, den nationalistischen Motiven des eigenen Widerstands auseinandergesetzt – das alles musste man schnell vergessen, um weiterzugehen.

          So ist dieses Estland, das nun an der Spitze der EU steht, ein Land voll unterdrückter Selbstzweifel und historischer Schwelbrände; ein Land, das geopolitisch gefährdet ist und sich durch seine entschlossene Digitalisierung sehr verletzbar gemacht hat; zugleich ein Land, das außenpolitischen Ehrgeiz zeigt und in der Rhetorik seiner Staatschefs immer wieder durch Mut und eine eigene Sprache verblüfft. „Jeden Morgen stehe ich auf“, sagt Kaljulaid am Schluss, „und frage mich, wie kann ich dieses Land stabil halten in dieser instabilen Welt. Es gibt nämlich nicht Sicheres, keine Garantie, niemals.“

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