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Estland als Avantgarde Europas : Ein digitales Wunderland voller Selbstzweifel

  • -Aktualisiert am

Mut und Entmutigung gehören zum Estentum

Auf der anderen Seite der digitalen Erfolgsgeschichte steht die Tatsache, dass viele Esten in ihrem Land nicht wohnen wollen oder können. Anfang der neunziger Jahre betraf das zunächst die Intellektuellen, ab der Jahrtausendwende auch die Arbeiter, die massenhaft nach Finnland oder Norwegen zogen. Weil der Staat dank der Digitalisierung so gut zu erreichen ist, nehmen viele Esten ihn in der Brieftasche einfach mit und wohnen in einem anderen Land, sind aber offiziell noch in Estland registriert. Um dieser Täuschung auf die Schliche zu kommen, muss man nur die verschiedenen Migrationsstatistiken vergleichen: In Estland sagt der Zensus, dass jedes Jahr ungefähr dreißig bis fünfzig Menschen nach Dänemark umziehen. Dänemark selbst aber verzeichnet jährlich eine Zuwanderung von hundertsiebzig bis zweihundertfünfzig Esten. Für Schweden stehen den estnischen Angaben von hundert bis zweihundert Auswanderern eigene Zahlen von fünf- bis sechshundert estnischen Einwanderern pro Jahr gegenüber. Für eine Bevölkerung um eine Million Menschen sind solche Jahresmengen hoch.

Besonders die Jugend verlässt das Land: zum Studieren, um dann nicht mehr zurückzukommen. Während des letzten Sängerfestes, das die Erinnerung an die Singende Revolution lebendig hält, sprachen die Leute in den estnischen Medien offen darüber, warum sie nicht in Estland bleiben können: weil das Lohnniveau niedrig ist; weil das Leben außerhalb der Hauptstadt Tallinn wenig Hoffnung macht; weil alle, die im Ausland studiert und akademische Grade erworben haben, in Estland keine Arbeit finden können wegen der Ressentiments der Esten, die daheim blieben. Das mentale Klima im Land ist rauh. Gerade Auslandserfolge neidet man einander, besonders unter Akademikern.

Selbstzweifel und Schwelbrände

„Das geistige Klima in unserer Gesellschaft“, sagt nach längerem Überlegen auch Kaljulaid, „ist durch eine starke Abgeschlossenheit bestimmt. Die fünfzig Jahre Okkupation, in denen man nichts anderes sah als sich selbst und in denen man keine Verantwortung für den eigenen Platz in der Welt übernehmen musste, haben uns in gewisser Weise entmutigt.“ Mut und Entmutigung – beides gehört seit Urzeiten zum Estentum: Mut zu Hause, Entmutigung in der großen Welt. Seit der Wende und der Erfolgsgeschichte des digitalen Staates ist das Verhältnis umgedreht. Das muss nicht verwundern. Wo der Ehrgeiz nach kulturellem, politischem und ökonomischem Anschluss an den Westen das Land unglaublich schnell veränderte, blieb alles Vergangene – Wut, Misstrauen, Demütigung – unbearbeitet. Estland hat nie sich wirklich mit der sowjetischen Okkupation, mit Kollaboration, Spitzelei, den nationalistischen Motiven des eigenen Widerstands auseinandergesetzt – das alles musste man schnell vergessen, um weiterzugehen.

So ist dieses Estland, das nun an der Spitze der EU steht, ein Land voll unterdrückter Selbstzweifel und historischer Schwelbrände; ein Land, das geopolitisch gefährdet ist und sich durch seine entschlossene Digitalisierung sehr verletzbar gemacht hat; zugleich ein Land, das außenpolitischen Ehrgeiz zeigt und in der Rhetorik seiner Staatschefs immer wieder durch Mut und eine eigene Sprache verblüfft. „Jeden Morgen stehe ich auf“, sagt Kaljulaid am Schluss, „und frage mich, wie kann ich dieses Land stabil halten in dieser instabilen Welt. Es gibt nämlich nicht Sicheres, keine Garantie, niemals.“

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