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Estland als Avantgarde Europas : Ein digitales Wunderland voller Selbstzweifel

  • -Aktualisiert am

Estland steht unter enormer Spannung

Allerdings war dafür auch ein Preis zu zahlen: Estland steht unter enormer Spannung. Wo die Medien den Leuten die tägliche Dosis Selbstlob verabreichen, weiß man im Lande von genügend Fällen, bei denen digitale Personalausweise in Altersheimen von den Direktoren zusammen mit den PIN-Codes gesammelt wurden, um bei den Lokalwahlen dem Kandidaten des Direktors viele Stimmen zu verschaffen. Zudem lebt die Bevölkerung weiterhin in einem chronischen Unterwerfungsgefühl und glaubt an Verschwörungstheorien aller Art. Bücher des Schriftstellers Jüri Lina, in denen die Sowjetunion als jüdischer Geheimplan beschrieben wird, um die Menschen der Erde zu versklaven, sind in Estland verlässliche Bestseller gewesen. Und obwohl die Statistik offizieller Kirchenbindung dem Land keine nennenswerte Religiosität bescheinigt, neigen viele neuen Sekten aller Art zu, sind von astrologischen Fernsehsendungen gebannt oder experimentieren mit der Heilkraft von Kristallen. In einem Land, das traditionell im Luthertum verankert war, ist heute der Katholizismus für viele Intellektuelle attraktiv.

In diesem Land gelangte nun 2016 die damals 46 Jahre alte Kersti Kaljulaid als erste Frau an die Spitze des Staates. Sie setzt auf Vernunft und Nüchternheit. Vertrauen bei den eigenen Bürgern verschaffte sie sich mit außenpolitischem Ehrgeiz: „Mir scheint“, erzählt sie, „von Lennart Meri an“, also dem ersten Präsidenten nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit, „konnten wir uns, als kleiner Staat, Worte und Wendungen erlauben, die den großen Ländern nicht zugestanden hätten.“ Sie bringt ein Beispiel: „Als ich bei meinem Vortrag für die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin über die entstehenden Nato-Militärbasen in Litauen sagte, dass die Anwesenheit der Deutschen in Ost-Europa etwas sei, wovon die Stabilität des ganzen Kontinents profitiere, und jeder, der hier widerspreche, Propaganda im Dienste der EU-Gegner betreibe, sah ich, wie dankbar die deutschen Politiker waren. Sie selbst hätten das nicht aussprechen dürfen.“ Nato und EU haben Estland eine Lizenz erteilt, gegen die sich Länder wie Finnland oder Schweden früher sträubten: nämlich Russland mutig Paroli zu bieten. Dieser sicherheitspolitische Ruck ging schon mit Kaljulaids Vorgänger, Toomas Henrik Ilves, durch die Diplomatie.

Innenpolitisch will Kaljulaid den konsequenten Säkularismus des Staates nicht nur vor dem diffusen Spiritismus der Bevölkerung schützen, sondern auch gegen die Herausforderungen der Migration: „Wir halten die Religion grundsätzlich fern von den Fragen unseres Staats. Bei uns gibt es keine Gebetspausen in den Schulen und auch keine Lebensmittel nach Halal-Vorschriften!“ Zugleich will sie aber auch einer innenpolitischen Europaskepsis vorbeugen. „Wir spielen das beliebte Spiel nicht mit, dass alles Schlechte von Brüssel kommt und alles Gute von zu Hause. Wir können es uns nicht leisten, dass wir die EU im eigenen Land zur Geisel machen“, erklärt Kaljulaid.

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