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Chef der Essener Tafel : Wen soll Jörg Sartor wählen?

In der Kritik: Jörg Sartor, Vorsitzender der Essener Tafel. Bild: epd

Der Chef der Essener Tafel wird belehrt und angefeindet. Angela Merkel will es besser wissen – SPD-Politiker und eine Fernsehmoderatorin auch. Wem spielen die politischen Tugenddarsteller wohl in die Hände? Ein Kommentar.

          Nehmen wir an, die Sozialdemokraten tun, was sie unverständlicher-, schmerzlicher-, ja empörender- und verantwortungsloserweise seit langem tun: Sie zerlegen sich. Nehmen wir an, sie tun es diesmal durch einen Mitgliederentscheid.

          Nehmen wir weiter an, dass in unserem Land eine Minderheitenregierung nicht funktioniert. Weil seine Spitzenpolitiker immer nur einen zielstrebigen und pragmatischen Anschein erwecken, in Wahrheit aber ein ganz leeres, von demoskopischen Erwägungen, Talkshows und Interviews sowie der ständigen Wiederholung der eigenen Verlautbarungen zermürbtes Selbstbewusstsein haben. Nehmen wir an, dass solche Leute es einfach nicht ertragen würden, ständig um Zustimmung bei anderen ringen zu müssen. Dass sie es nicht aushielten, ganze Legislaturperioden auf die Weise zu durchleben, die ihre Sondierungs- und Koalitionsverhandlungen gekennzeichnet hat.

          Nehmen wir also hypothetisch an, dass es Neuwahlen geben wird. Und jetzt die Frage: Wen soll unter diesen Umständen Jörg Sartor wählen? Sie, geschätzte Leser, haben von Jörg Sartor gehört. Er ist über Nacht eine Berühmtheit geworden. Weil er der Vereinsvorsitzende der Essener Tafel ist. Und weil er als solcher dafür einsteht, dass die Lebensmittel, die dieser gemeinnützige Verein verteilt, nicht nur nach dem Gesichtspunkt der größeren Verdrängungskraft verteilt werden sollen. Drei Viertel der Begünstigten dieser sozialen Hilfe sind Ausländer. Neue Kundenkarten will die Tafel aber nun bis auf weiteres nur noch an Inhaber eines deutschen Passes ausstellen. Jörg Sartors Begründung: Weil insbesondere junge männliche Migranten es an Respekt gegenüber älteren Frauen und Müttern fehlen lassen. Weil sie sich nicht anstellen, sondern vordrängeln, wartende Rentner fortschubsen und weil darum Kundschaft der Tafel, die genauso bedürftig ist wie jene Migranten, nicht mehr kommt.

          Vorwürfe gegen Sartor spotten jeder Beschreibung

          Jörg Sartor ist 61, er war dreißig Jahre lang Bergmann, seit er mit 49 in Ruhestand ging, arbeitet er ehrenamtlich für die Essener Tafel. Einen Ausländerfeind wird man so leicht nicht jemanden nennen können, der sieben Mal in der Woche dafür sorgt, dass Alte, Migranten, Kinder, Obdachlose und eben überhaupt Bedürftige etwas von dem zu essen bekommen, was andernfalls weggeworfen würde oder unverteilt bliebe. Oder sagen wir es mal so: Welche Leistungen zugunsten von Bedürftigen haben diejenigen vorzuweisen, die Jörg Sartor jetzt darüber belehren, wie er und die Seinen mit den Lebensmitteln umzugehen haben, die sie in privater Initiative verteilen?

          Jetzt sind wir bei den Vorwürfen gegen Jörg Sartor. Sie spotten jeder Beschreibung, weswegen sie im Originalton wiedergegeben werden sollten. Man solle „nicht solche Kategorisierungen vornehmen“, mahnt die Bundeskanzlerin, womit sie die Unterscheidung von Ausländern und Deutschen meint, ohne sich vorher kundig gemacht zu haben, ob es überhaupt Herr Sartor und die Seinen waren, die so kategorisiert haben, oder es nicht vielmehr die Wirklichkeit war, in der die jungen männlichen Migranten gedrängelt haben und die Rentnerinnen und Mütter ins Hintertreffen gerieten.

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