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Wahlkampf der AfD : Erregungsabend in Schwarzrotgold

Der ehemalige tschechische Präsident Václav Klaus spricht in Schwerin bei einer Wahlkampfveranstaltung der AfD. Es ist eine herzliche Umarmung der AfD – im Mittelpunkt steht trotzdem Klaus. Bild: dpa

Die AfD empfängt den früheren tschechischen Staatspräsidenten Vaclav Klaus in Schwerin. Sie will ihn im Wahlkampf vor ihren Karren spannen. Doch was passiert? Das Gegenteil.

          5 Min.

          Merkwürdige Zustände in Mecklenburg-Vorpommern. Plakate sind aufgehängt für die Landtagswahl am 4. September, ganz oben die NPD, die zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft ist, weiter unten die AfD, die paradoxerweise dafür gesorgt hat, und all die anderen. Normalerweise wäre „MV“, wie sie hier sagen, im deutschen Gesamtbild nicht so wichtig, ein Flächenland mit anderthalb Millionen Menschen und den üblichen Problemen – unzufriedenen Bauern, Überalterung, der Rentenkluft zwischen West und Ost und dem allgemeinen Gefühl, abgehängt zu sein. Aber jetzt kommt Leben in die Bude. Mecklenburg-Vorpommern könnte eine weitere kleine Lawine im politischen Erdrutsch sein, der sich in Europa vollzieht.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Er trifft die alternden Politiker der etablierten Parteien mit voller Wucht: den Ministerpräsidenten Erwin Sellering (SPD), den Innenminister Lorenz Caffier (CDU) und den Linken-Spitzenkandidaten Helmut Holter. Alle diese Herren sind jenseits der sechzig und bereiten sich auf die letzte Runde vor. Politische Zukunft: völlig offen. Wenn die Umfragen stimmen, könnte die AfD knapp zwanzig Prozent holen und mit dem Einzug ins Schweriner Schloss die große Koalition sprengen. Dabei haben die Rechtspopulisten im ganzen Bundesland kaum fünfhundert Mitglieder und nicht einen einzigen Ortsverband. Mit Landesthemen, sagen Kenner des Geländes, wäre das nicht zu schaffen gewesen. Aber seit die Angst vor Flüchtlingen und Terrorismus umgeht, ist alles anders.

          „Traumtänzer“ Angela Merkel und Sigmar Gabriel

          Auf dieser Welle reitet der AfD-Spitzenkandidat Leif-Erik Holm, 46 Jahre alt. Er und seine Leute haben dafür gesorgt, dass die holzschnittartigen Thesen zum „schleichenden Bevölkerungsaustausch“ ganz nach unten durchgesickert sind. Zum Beispiel zu den drei Schülern, die am Stadtrand von Schwerin unter einem NPD-Plakat hocken und chillen. Wem sie denn bei den Kommunalwahlen ihre Stimme geben würden, fragen wir. Sie dürften doch mit sechzehn wählen. Das wüssten sie noch nicht, sagen sie, aber es seien zu viele Flüchtlinge da, Schwerin habe „gefühlt“ zehntausend Menschen mehr als früher. (Es sind ein paar hundert.) Sie seien für das Burka-Verbot. Deutsche Mädchen würden ja in arabischen Ländern auch nicht „mit kurzem Rock in die Kirche gehen“.

          Kindermund tut Wahrheit kund, denken wir ein paar Stunden später im Hotel Amedia Plaza, zumindest die Wahrheit über diese Stadt. Die Alternative für Deutschland hat in festlichem Rahmen zur Wahlveranstaltung geladen – in Schwerin, weil die Rostocker Gastwirte wegen der „Antifa“ kalte Füße bekommen hätten. AfD-Mann Leif-Erik Holm, „der ehemalige Radiomoderator“, wie es in Porträts über ihn heißt, der Mann „mit der angenehmen Stimme“, tritt zusammen mit dem früheren tschechischen Staatspräsidenten Václav Klaus auf. Der hat neulich in Berlin sein Buch „Völkerwanderung“ vorgestellt, Untertitel: „Kurze Erläuterung der aktuellen Migrationskrise“ (F.A.Z. vom 4. Juni). Die Kampfschrift aus dem Manuscriptum Verlag liegt in beachtlichen Stapeln auf dem Büchertisch. Damals in Berlin hat Klaus einen wichtigen Satz gesagt, den er an diesem Abend nicht nur wiederholt, sondern ausschmückt und mit Schleifchen versieht: „Die AfD hat zum Migrationsthema bessere Antworten als alle anderen Parteien.“

          Man könnte das unerhört finden, aber das ist es nicht. Václav Klaus, der profilierteste tschechische Politiker der letzten fünfundzwanzig Jahre, sieht Migration als das beherrschende Thema unserer Zeit. Da seine Meriten als Demokrat unzweifelhaft sind, leistet er sich eine brutale Deutlichkeit, wie man sie von wenigen Elder Statesmen kennt. Aus Klaus spricht das konservative Europa, das der Tscheche sich als Bündnis starker Nationalstaaten ohne EU-Technokraten und deutsche Bevormundung vorstellt. „Europa“, heißt es in seinem Buch, „ist von lauter weltfremden und heuchlerischen humanistischen Ideen durchdrungen.“ Als Drahtzieher dieser Entwicklung hat er die „Traumtänzer“ Angela Merkel und Sigmar Gabriel ausgemacht.

          „Ich weiß nicht, ob ich das Wort ,Sieg‘ benutzen kann“

          Ähnlich klar spricht der Fünfundsiebzigjährige auch an diesem Abend in seinem kurzen Vortrag, der mit dem Wort Wahlkampfhilfe unzureichend beschrieben wäre. Es ist eine herzliche Umarmung der AfD, und die hundertfünfzig Menschen im Saal lauschen gerührt den Sätzen des großen alten Mannes, bevor sie in lauten Beifall ausbrechen. Endlich hören sie es aus berufenem Munde, nicht von namenlosen Protestlern, die sich als politische Amateure den Weg in die Arena freiboxen: Sie sind das Volk, sie stehen auf der richtigen Seite und erkennen als Einzige die Gefahren der „unkontrollierten Massenzuwanderung“.

          Und sie, meist ältere Männer in großkarierten Hemden, die über dem Gürtel spannen, hören an diesem Abend ganz ungewöhnliche Dinge. „Ihre Partei hat in der Tschechischen Republik viele Sympathisanten“, sagt Klaus, den sie hier achtungsvoll mit „Herr Präsident“ ansprechen. Er sei fest davon überzeugt, „dass die Alternative für Deutschland die einzige Partei ist, die gegen das deutsche politische Establishment kämpft“, die „wirklich alternative Ideen“ entwickele und sie „öffentlich thematisiert und verteidigt“. Er, Klaus, wünsche der AfD am 4. September viel Erfolg – „ich weiß nicht, ob ich das Wort ,Sieg‘ benutzen kann“. Herzhaftes Gelächter, starker Beifall.

          Von frenetischer Zustimmung begleitet, verlässt Klaus das Rednerpult und setzt sich auf dem Podium in einen Sessel. Links flankiert ihn der Moderator, rechts Spitzenkandidat Holm. Man will die Wahlkampfhilfe durch den Herrn Präsidenten vertiefen, noch mehr herausholen, und jetzt wäre die Stunde von AfD-Spitzenkandidat Holm gekommen, der flüssig formulieren kann. Kurz vor der Veranstaltung haben wir ihn eine halbe Stunde lang im persönlichen Gespräch erlebt. Natürlich vertritt Holm auch im Interview die Thesen der Partei – Absage an Massenzuwanderung, mehr „deutschstämmige Kinder“, mehr Polizeipräsenz, „auch auf der Straße“, dazu eine Sicherheitswacht, wie es sie in Bayern und Sachsen gibt. Aber Holm ist im AfD-Panorama kein Scharfmacher, das überlässt er Leuten wie Björn Höcke aus Thüringen.

          Der AfD-Kandidat wirkt klein und schwitzt

          Jetzt allerdings, auf dem Podium, wirkt der Spitzenkandidat klein, bemüht und viel zu jung. Auf seiner Stirn glänzt ein Schweißfilm. Das grobe Mikrofon lässt seine professionelle Stimme nicht zur Geltung kommen. Außerdem entwickelt sich das Gespräch ungünstig, weil der Moderator systematisch durch die falschen Fragen stolpert und Václav Klaus den Abend in eine Solonummer verwandelt. Wenn Holm klagt, die deutschen Medien verzerrten in Berichten über die AfD die Wirklichkeit, kontert Klaus trocken, er schaue seit Jahrzehnten schon keine Nachrichten mehr, das könne er nur empfehlen. Manchmal sucht der Präsident nach dem richtigen deutschen Wort, aber auch das finden die Leute spannend, sie hängen an seinen Lippen. Er soll in Ruhe die richtige Formulierung auswählen, wenn er nur so wunderbare Sachen sagt wie: „Die Verursacher der Migrationskrise sind nicht die Migranten, sondern die deutschen Politiker.“ Unerwartet kommt Klaus noch auf die gedemütigte Ost-Identität der Mecklenburger zu sprechen und streicht mit kundiger Hand Balsam auf alte Wunden. „Die Wiedervereinigung“, sagt er, „wurde gegen die ostdeutschen Länder gemacht!“ Wem würde einfallen, mit so einem Satz im Jahr 2016 zu punkten? Selbst Leif-Erik Holm, der die Seelenlage hier bestens kennt, wird das zu viel.

          Das Publikum der AfD trägt Schwarz-rot-gold.
          Das Publikum der AfD trägt Schwarz-rot-gold. : Bild: dpa

          Aber das Publikum feuert den Herrn Präsidenten immer wieder an, er kann jetzt sagen, was er will, die Leute feiern ihn. Ein Gefühl kollektiven Verstandenseins macht sich breit. Selbst die dümmlich witzelnde Frage des Moderators, ob Tschechien den Deutschen, denen es in ihrem eigenen Land vor lauter syrischen Flüchtlingen zu fremd werde, denn Asyl gewähren würde, verwandelt Klaus in einen Punktgewinn. Er habe eine bessere Idee, sagt er und lächelt verschmitzt. Man solle eine Grenze um Brüssel ziehen und alle EU-Bürokraten dort einsperren, „mit Rente auf Lebenszeit!“ Der Saal tobt.

          Als es vorbei ist, darf auch das Publikum mal ran, auf allen Podien der Welt ein gefürchteter Moment. Der Moderator bittet die Leute, sie mögen sich kurz fassen, man wolle Fragen hören, keine ergänzenden Referate. Dennoch folgen ein paar Alternativreferate für Deutschland, und der Moderator muss den Rednern ins Wort fallen. „Frage, bitte!“ Ein Frührentner mit Deutschland-Hosenträgern hält sich daran. Václav Klaus ist bis zum Schluss in seinem Element. Er sagt, was er denkt, ein authentischer Politiker, der kein Blatt vor den Mund nimmt, und die Zuhörer rufen „Genau!“, „Stimmt!“ oder „Endlich sagt es mal einer!“. Insofern war es ein lehrreicher Abend. Die AfD wollte Václav Klaus vor ihren Karren spannen, zog aber den ganzen Abend den seinen.

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