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Wahlkampf der AfD : Erregungsabend in Schwarzrotgold

Und sie, meist ältere Männer in großkarierten Hemden, die über dem Gürtel spannen, hören an diesem Abend ganz ungewöhnliche Dinge. „Ihre Partei hat in der Tschechischen Republik viele Sympathisanten“, sagt Klaus, den sie hier achtungsvoll mit „Herr Präsident“ ansprechen. Er sei fest davon überzeugt, „dass die Alternative für Deutschland die einzige Partei ist, die gegen das deutsche politische Establishment kämpft“, die „wirklich alternative Ideen“ entwickele und sie „öffentlich thematisiert und verteidigt“. Er, Klaus, wünsche der AfD am 4. September viel Erfolg – „ich weiß nicht, ob ich das Wort ,Sieg‘ benutzen kann“. Herzhaftes Gelächter, starker Beifall.

Von frenetischer Zustimmung begleitet, verlässt Klaus das Rednerpult und setzt sich auf dem Podium in einen Sessel. Links flankiert ihn der Moderator, rechts Spitzenkandidat Holm. Man will die Wahlkampfhilfe durch den Herrn Präsidenten vertiefen, noch mehr herausholen, und jetzt wäre die Stunde von AfD-Spitzenkandidat Holm gekommen, der flüssig formulieren kann. Kurz vor der Veranstaltung haben wir ihn eine halbe Stunde lang im persönlichen Gespräch erlebt. Natürlich vertritt Holm auch im Interview die Thesen der Partei – Absage an Massenzuwanderung, mehr „deutschstämmige Kinder“, mehr Polizeipräsenz, „auch auf der Straße“, dazu eine Sicherheitswacht, wie es sie in Bayern und Sachsen gibt. Aber Holm ist im AfD-Panorama kein Scharfmacher, das überlässt er Leuten wie Björn Höcke aus Thüringen.

Der AfD-Kandidat wirkt klein und schwitzt

Jetzt allerdings, auf dem Podium, wirkt der Spitzenkandidat klein, bemüht und viel zu jung. Auf seiner Stirn glänzt ein Schweißfilm. Das grobe Mikrofon lässt seine professionelle Stimme nicht zur Geltung kommen. Außerdem entwickelt sich das Gespräch ungünstig, weil der Moderator systematisch durch die falschen Fragen stolpert und Václav Klaus den Abend in eine Solonummer verwandelt. Wenn Holm klagt, die deutschen Medien verzerrten in Berichten über die AfD die Wirklichkeit, kontert Klaus trocken, er schaue seit Jahrzehnten schon keine Nachrichten mehr, das könne er nur empfehlen. Manchmal sucht der Präsident nach dem richtigen deutschen Wort, aber auch das finden die Leute spannend, sie hängen an seinen Lippen. Er soll in Ruhe die richtige Formulierung auswählen, wenn er nur so wunderbare Sachen sagt wie: „Die Verursacher der Migrationskrise sind nicht die Migranten, sondern die deutschen Politiker.“ Unerwartet kommt Klaus noch auf die gedemütigte Ost-Identität der Mecklenburger zu sprechen und streicht mit kundiger Hand Balsam auf alte Wunden. „Die Wiedervereinigung“, sagt er, „wurde gegen die ostdeutschen Länder gemacht!“ Wem würde einfallen, mit so einem Satz im Jahr 2016 zu punkten? Selbst Leif-Erik Holm, der die Seelenlage hier bestens kennt, wird das zu viel.

Das Publikum der AfD trägt Schwarz-rot-gold.
Das Publikum der AfD trägt Schwarz-rot-gold. : Bild: dpa

Aber das Publikum feuert den Herrn Präsidenten immer wieder an, er kann jetzt sagen, was er will, die Leute feiern ihn. Ein Gefühl kollektiven Verstandenseins macht sich breit. Selbst die dümmlich witzelnde Frage des Moderators, ob Tschechien den Deutschen, denen es in ihrem eigenen Land vor lauter syrischen Flüchtlingen zu fremd werde, denn Asyl gewähren würde, verwandelt Klaus in einen Punktgewinn. Er habe eine bessere Idee, sagt er und lächelt verschmitzt. Man solle eine Grenze um Brüssel ziehen und alle EU-Bürokraten dort einsperren, „mit Rente auf Lebenszeit!“ Der Saal tobt.

Als es vorbei ist, darf auch das Publikum mal ran, auf allen Podien der Welt ein gefürchteter Moment. Der Moderator bittet die Leute, sie mögen sich kurz fassen, man wolle Fragen hören, keine ergänzenden Referate. Dennoch folgen ein paar Alternativreferate für Deutschland, und der Moderator muss den Rednern ins Wort fallen. „Frage, bitte!“ Ein Frührentner mit Deutschland-Hosenträgern hält sich daran. Václav Klaus ist bis zum Schluss in seinem Element. Er sagt, was er denkt, ein authentischer Politiker, der kein Blatt vor den Mund nimmt, und die Zuhörer rufen „Genau!“, „Stimmt!“ oder „Endlich sagt es mal einer!“. Insofern war es ein lehrreicher Abend. Die AfD wollte Václav Klaus vor ihren Karren spannen, zog aber den ganzen Abend den seinen.

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