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Ausgrabungen in Israel : Ein Fehltritt kann Lawinen auslösen

  • -Aktualisiert am

„Wir brauchen Frieden um jeden Preis“: Mit ihren Körpern formen die jugendlichen Ausgräber von Tel Azekah das Peace-Zeichen. Bild: Benjamin Sitzmann

Oben Raketen, unten antike Ruinen, dazwischen Juden und Palästinenser: Wer in Israel eine Ausgrabung leitet, muss nicht nur mit neuen Funden rechnen, sondern auch mit Luftalarm. Die Erlebnisse einer israelischen Archäologin.

          Was machen wir denn jetzt?“ „Weiß ich auch nicht!“ Gil, Arbeiter im Nationalpark Apollonia, schaut hektisch über die grüne Küstenlandschaft. „Sollen wir uns in einen der Container stellen?“, schlage ich vor. Er schüttelt heftig den Kopf. Die Container sind so verrostet, dass man durch ihre löchrigen Dächer ganze Galaxien betrachten könnte. Etwas Schwereres als ein ausgewachsener Rabe würde sie sofort einbrechen lassen.

          „Das Homefront Commando hat uns angewiesen, bei Luftalarm in den Stadtgraben zu gehen“, sagt Gil. Jetzt ist es an mir, den Kopf zu schütteln: „Wie sollen wir denn da runterkommen?“ Ein Blick nach unten genügt: Beim Absprung würden wir uns an den mittelalterlichen Ruinen die Beine aufschürfen, unten hätten wir ausgehungerte Tiere jeder Art am Hals. Schließlich sind die Wände so steil, dass sie sicher seit Monaten nicht mehr aus dem Graben herausgekommen sind. Was kann schlimmer sein, als von einer Hamas-Rakete getroffen zu werden? Vieles, entscheide ich beim letzten Blick auf scharfkantige Steine und Dornen.

          Es ist der letzte Tag des Gaza-Kriegs. Während wir wie kopflose Hühner durch den Nationalpark stolpern und einen Unterschlupf suchen, hört der Alarm so plötzlich auf, wie er angefangen hat. Stille setzt ein. Man bemerkt wieder die kühle Brise vom Meer. Die Kreuzfahrer haben damals gut daran getan, die kleine Küstenstadt mit einer Burg zu versehen. Direkt am Meer und über dem Hafen kontrollierten sie von dort aus alles, was aus den Schiffsbäuchen herauf in die Stadt und weiter ins Hinterland gebracht wurde: Gläser aus Venetien, bemalte Keramikteller aus der Ägäis und Zypern, braunglasierte Kochtöpfe und Bratpfannen aus Beirut.

          Frieden um jeden Preis

          Über historische Gefäße weiß ich Bescheid. Ich bin im Apollonia-Arsuf-Projekt der Universität Tel Aviv für die Keramikanalysen zuständig. Weniger erfahren bin ich im Finden geeigneter Unterschlupfmöglichkeiten bei Luftalarm in offenem Gelände. Glücklicherweise wurde meine Erfahrung bisher nur dieses eine Mal auf die Probe gestellt. Wenn sonst die Sirene tönte, war ich zu Hause in Ramat Hasharon, in einem dreistöckigen Gebäude auf ziemlich wackligen Säulen.

          Doch die oberirdische Instabilität täuscht: Als das Haus 1973 gebaut wurde, tobte gerade der Yom-Kippur-Krieg, und Luftschutzbunker waren ein Muss wie Küche oder Bad. Bei unserem Bunker hat sich der Architekt richtig ins Zeug gelegt: Duschen, zwei Toiletten, Waschbecken, Nebenräume und ein Hauptraum von der Größe eines Ballsaals. Nachts um drei, als die Sirene wieder einmal schrillt, wecke ich die Kinder. „Hält der Beton das aus, wenn das Haus einstürzt?“, fragt mein kleiner Sohn. Ich nicke vorsichtshalber.

          Wir brauchen Frieden um jeden Preis! Ich will meine Kinder nicht nachts aus den Betten ziehen müssen, und ich will erst recht nicht, dass man im Gazasteifen tote Kinder aus Hausruinen ziehen muss. Stattdessen will ich nach Palästina fahren, am Strand von Gaza sitzen und palästinensische Währung ausgeben.

          Kompliziert wie eine schlechte Ehe

          Doch Misstrauen und Vorurteile sitzen tief. Auf beiden Seiten. Via Facebook liefere ich mir mit Freunden und Fremden Wortgefechte über den Sinngehalt von Golda Meirs einstiger Äußerung: „Wir werden erst dann Frieden haben, wenn die Araber ihre Kinder mehr lieben, als sie uns hassen.“ Und es macht mich wütend, dass jüdische Kinder, gefilmt bei einem Besuch im Armeemuseum von Latrun, in Bausch und Bogen als militaristisch und rassistisch bezeichnet werden. Der Krieg polarisiert, und so manch einer wälzt die Verantwortung von der einen auf die andere Seite. Differenzierung fehlt überall, ihr Mangel löst noch mehr Miss-Bildung, noch mehr Vorurteile aus; ein Teufelskreis.

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