https://www.faz.net/-gqz-9vhj7

Haus der Wannseekonferenz : Was wir fühlen sollen

Andernorts ergibt sich die Dringlichkeit der Präsentation aus der Umgebung. Im neoklassizistischen Palast am Wannsee muss sie mit kuratorischen Mitteln erzwungen werden. Bild: dpa

Von einer Gedenkstätte zum Geschichtsmuseum: In der neuen Ausstellung im Haus der Wannseekonferenz soll der Holocaust nicht nur als historisches Geschehen, sondern als stets gegenwärtige Mahnung begriffen werden.

          2 Min.

          Wie weit dürfen Holocaust-Vergleiche gehen? In der neuen Dauerausstellung des Hauses der Berliner Wannseekonferenz war eine Medienstation zu sehen, an der Besucher am Ende des Rundgangs aufgefordert wurden, Lehren aus der Geschichte zu ziehen. Auf ein Foto vom Strandbad Wannsee aus den dreißiger Jahren, auf dem ein Schild Juden als „unerwünscht“ bezeichnete, folgte die Schemazeichnung eines „Freizeit Bads“, auf der eine Hinweistafel „männliche Geflüchtete“ vom Besuch ausschloss. Die Zeichnung, hieß es im Erklärungstext, sei „in Anlehnung“ an ein Verbot im Frankfurter Stadtteil Bornheim im Jahr 2016 entstanden. Bei der Pressebesichtigung der erneuerten Dauerausstellung am Donnerstag löste die Bildfolge kritische Nachfragen von Journalisten aus. Kurz darauf teilte der Direktor der Gedenkstätte am Wannsee mit, sein Team habe entschieden, die Station nicht in Betrieb zu nehmen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Neugestaltung der Ausstellung, war in der Pressekonferenz zu erfahren, habe drei Jahre gedauert. Bei diesem zeitlichen Vorlauf darf man annehmen, dass sich die Verantwortlichen gut überlegt haben, was sie zeigen. Dass ihnen trotzdem ein derartiger Lapsus unterlaufen konnte, hat weniger mit Planungsfehlern als mit der geschichtspolitischen Mission des Hauses selbst zu tun. Hier, in der Villa des Fabrikanten Marlier, wurde am 20. Januar 1942 die Massenvernichtung der europäischen Juden beschlossen. Dieses Ereignis, seine Voraussetzungen und seine Konsequenzen darzustellen ist die Aufgabe der 1992 eingerichteten Gedenkstätte.

          Einsatz aller denkbaren technischen Mittel

          Aber die Schulklassen und Touristengruppen, die hier durchgeführt werden, sollen den Holocaust eben nicht nur als historisches Geschehen, sondern als stets gegenwärtige Mahnung begreifen. Im Dokumentationszentrum auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg und in der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin ergibt sich die Dringlichkeit der Präsentation schon aus der Umgebung, in der sie stattfindet. In dem neoklassizistischen Palast am Wannsee muss sie mit kuratorischen Mitteln erzwungen werden.

          Die neue Ausstellung, die an diesem Sonntag offiziell eröffnet wird, begegnet dieser Herausforderung mit dem Einsatz aller denkbaren technischen und innenarchitektonischen Mittel. In der alten, 2006 entstandenen Präsentation bildete ein Besprechungstisch den Mittelpunkt; um ihn herum waren die wichtigsten Dokumente und die Biographien der Konferenzteilnehmer angeordnet. In der Neukonzeption ist der Tisch verschwunden, der Saal, in dem er stand, aus dem Zentrum gerückt.

          Museumsmodule transportieren die Erinnerung

          Stattdessen wird in einer Folge von Räumen die Geschichte der Massenvernichtung von ihren Ursprüngen im Parteiprogramm der NSDAP bis zu den Holocaustleugnern der Nachkriegszeit erzählt. Die Museumsmodule, die diese Erzählung transportieren, sind regelrechte Informationsmaschinen. Sie bestehen aus Bild- und Texttafeln, Hörstationen mit Aussagen von Zeitzeugen, eingebauten Vitrinen mit Dokumenten, Monitoren, auf denen etwa das Digitalisat des Konferenzprotokolls abrufbar ist, und „Partizipationsstationen“ wie jener, die am Donnerstag vorzeitig abgeschaltet wurde.

          Für das Haus der Wannseekonferenz bedeutet das, dass es von einer Gedenkstätte zu einem Geschichtsmuseum wird. Der große Tisch, mag sein, war nicht authentisch, die alte Ordnung der Texte und Fotos zu sachlich und karg. Aber in dem Maß, in dem die auf Nachvollzug und Miterleben ausgerichtete Didaktik der technischen Einbauten in den Vordergrund rückt, tritt der Ort selbst hinter seine Funktion als Bildrahmen zurück. Hier ist etwas Ungeheuerliches passiert, an einem Tag vor knapp achtzig Jahren, in gediegenem, großbürgerlichem Ambiente. Die neue Dauerausstellung buchstabiert dieses Ungeheuerliche in allen Einzelheiten durch, doch sie nimmt dabei der Stätte, an der sie stattfindet, auch etwas von ihrem Schrecken. Sie sagt und zeigt uns, was wir fühlen sollen. Dabei wissen wir es nur allzu gut.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Liegt laut einer Umfrage bei den Demokraten an zweiter Stelle: New Yorks ehemaliger Bürgermeister Michael Bloomberg.

          Umfrage : Bloomberg bei Vorwahlen an zweiter Stelle

          Den Vize-Präsidenten Joe Biden hat Michael Bloomberg laut einer aktuellen Umfrage überholt. An der Spitze der amerikanischen Demokraten liegt jedoch nach wie vor ein anderer Kandidat.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.