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Erinnerung an einen Soldat : Der gute Mensch Lei Feng

  • -Aktualisiert am

Ein Normaler Jugendlicher? Schüler aus der chinesischen Provinz beugen sich über ein Lei-Feng-Poste Bild: IMAGO

Er flickte den Kameraden die Socken und half alten Leuten über die Straße: Fünfzig Jahre nach seinem Tod wird der Soldat Lei Feng in China wieder zum Helden ausgerufen. Reine Propaganda.

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          Wie ist das möglich? China legt gerade eine Kampagne von 1963 neu auf, als Mao Tse-tung den Appell „Vom Genossen Lei Feng lernen!“ kalligraphierte. Lei Feng war ein Soldat der Volksbefreiungsarmee, der am 5.März 1962 von einem Telefonmast erschlagen worden war und sein bloß 22 Jahre währendes Leben zuvor im Dienst an den Kameraden und am Mutterland verbracht hatte. Nach seinem Tod fand man ein heimlich geführtes Tagebuch, in dem sich das Ausmaß seiner Selbstlosigkeit offenbarte.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Stets gut gelaunt, stand er vor allen anderen auf, um den Kameraden die Socken zu flicken, er half alten Leuten über die Straße und brütete, wenn alle anderen schon schliefen, noch über den Schriften des Großen Vorsitzenden. Diese Mischung aus Philanthropie und Orthodoxie, die offenbar schon damals höchst ungewöhnlich war und ihn zum kommunistischen Äquivalent des christlichen Heiligen vorherbestimmte, kulminierte in seiner berühmtesten Sentenz, er wolle nichts weiter sein als ein „Schräubchen der Revolution“: Ihm, dem Waisenkind, war die Partei zur Mutter geworden. So wurde der 5.März zum Lei-Feng-Tag erklärt, an dem sich jeder bemühen soll, Gutes zu tun, und der brave Soldat zum prominentesten moralischen Vorbild der Nation, über das in immer neuen Propagandawellen zahllose Reden, Plakate, Bücher, Filme und Fernsehsendungen veröffentlicht wurden.

          Von Lei Feng lernen

          Im auf Lifestyle und Marken versessenen Kapitalismus des heutigen China ist eine anachronistischere Figur schwerlich denkbar. Und doch präsentiert die Kommunistische Partei, die es sonst nach Kräften vermeidet, noch mit Vokabeln wie „Revolution“ in Verbindung gebracht zu werden, Lei Feng nun als aktuelle Antwort auf die moralische Krise von 2012, in der es einer geläufigen Klage zufolge an einem Kitt fehlt, der die gesellschaftlichen Kräfte zusammenhält.

          Der Geist von Lei Feng soll wieder in allen Unternehmen, Schulen, Gemeinden sowie im Internet verbreitet werden. Die Büchertische in den großen Buchhandlungen sind voll von Neuerscheinungen über den Helden, in den Straßen stehen Busse, die mit seinem Porträt zum Blutspenden aufrufen. In der Zeitung „Renmin Ribao“, dem Zentralorgan der Partei, heißt es: „Wenn wir die Kampagne ‚Von Lei Feng lernen!‘ starten, müssen wir seinem Geist eine neue und relevante Bedeutung geben.“ Wie ist das denkbar in einer Kultur, die die Ikonographie und die Formeln des Klassenkampfs so weit hinter sich gelassen hat? Woher kommt es, dass die Partei bei einer solchen Propaganda das Risiko der Lächerlichkeit nicht höher einschätzen muss als die Aussicht auf Erfolg?

          Studenten verkleiden sich als Lei Feng: Ist der Soldat nun die Antwort auf die moralische Krise?

          Eine Antwort gibt eine der Neuerscheinungen dieses Lei-Feng-Frühlings: Das Buch „Der Lei-Feng-Spirit. Eine Bedienungsanleitung der Revolution“, das soeben der Pekinger Sanlian-Verlag veröffentlicht hat, in dem ansonsten das populäre Kulturmagazin „Life Weekly“ herauskommt. Das Werk ist vollkommen auf der Höhe der Zeit: Die stilsicher schrille Typographie könnte einer Jugendzeitschrift entstammen, die Illustrationen präsentieren die Ikone des revolutionären Helden wie Pop-Art, sowohl in Schwarzweiß wie in der knalligen Buntheit der damaligen Propagandaplakate als auch in neu abgemischten psychedelischen Farben, in denen Lei Feng nun mitunter in warholesker Vervielfältigung erscheint.

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