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Erfolge bei Aids-Therapie : Wir brauchen Ausdauer

Die neuen Erfolge gegen Aids lassen hoffen, aber sie lösen nichts: Gesundheit braucht Geduld. Bild: dpa

Die Meldung über die mutmaßliche Heilung eines zweiten Aids-Patienten lässt hoffen. Der Schutz vor dem Virus ist prinzipiell möglich. Aber ist das auch der Durchbruch, den sich alle davon erhoffen?

          Die Meldung über die mutmaßliche Heilung eines zweiten Aids-Patienten kommt für die Medizin keinen Moment zu früh. Mehr als zehn Jahre sind vergangen, eine halbe Generation, seitdem der an der Charité in Berlin behandelte amerikanische Übersetzer Timothy Ray Brown als der erste Patient gefeiert wurde, der von HI-Viren komplett befreit wurde. Der Himmel hellte sich damals schlagartig auf. Eine der schlimmsten und weltweit am meisten gefürchteten Seuchen der Gegenwart schien plötzlich besiegbar. Was für ein Triumph der modernen Medizin.

          Das war damals fast durchweg der Tenor, und so ist es heute wieder, nachdem bekannt wurde, dass ein in London lebender zweiter HIV-Patient mit ebenjenem Therapieverfahren mindestens achtzehn Monate ohne Medikamente virenfrei geblieben ist. In beiden Fällen, in Berlin wie in London, erhielten die Patienten, weil sie zusätzlich zur Infektion an einem Blutkrebsleiden erkrankt waren, die eine Knochenmark-Transplantation und damit den Teilersatz des blutbildenden Systems erforderlich macht, die Stammzellen gesunder Spender übertragen.

          Das Besondere daran: Das gespendete Knochenmark mit den Stammzellen enthielt eine seltene genetische Variante, eine Mutation des CCR5-Gens. Das Genprodukt ist ein wichtiges Molekül auf den Immunzellen, das in der hier verwendeten, sehr seltenen Variante verhindert, dass die Viren überhaupt in die Abwehrzellen der Patienten eindringen. Die Erreger haben keine Chance mehr. Nun also ist sich die Medizin sicher: Der „Berliner Patient“ war kein Artefakt, ein Schutz vor dem Virus ist therapeutisch, ausgestattet mit dem entsprechenden genetischen Wissen und dem passenden Knochenmark, prinzipiell möglich. Aber ist das auch der Durchbruch, den sich alle davon erhoffen, der Anfang vom Ende der Seuche? Leider nein, nicht so jedenfalls.

          Heilen ist leicht gesagt

          Eher ist der glückliche Therapieverlauf des Londoner Patienten ein sprechendes Beispiel für die Grenzen, die uns durch die atemberaubenden neuen Möglichkeiten der modernen Medizin aufgezeigt werden. Von Heilung spricht man heute schnell, und doch erweist sich der Begriff immer öfter als leichtfertige Vereinfachung. Das kann in dem psychologisch sensiblen Feld der Medizin, das sich an der Komplexität des Lebens – und Leidens – immer wieder die Zähne ausbeißt, tragische Züge annehmen. Mustergültig ist die schwierige Seelenlage von Gesundheitsminister Jens Spahn jüngst vor dem Weltkrebstag vorgeführt worden, als er voller Begeisterung für die wirklich bemerkenswerten Fortschritte in der Tumortherapie den Krebs kurzerhand in fünfzehn bis zwanzig Jahren für besiegbar erklärte. Spahn darf gern daran glauben, er muss sogar darauf hinarbeiten, und er fördert damit im Grunde die Krebsmedizin verdienstvoll. Aber natürlich hält er mit seiner publikumswirksamen Prognose, die von keinem seriösen Krebsexperten geteilt wird, der Gesellschaft auch einen Spiegel hin, in den keiner gern blicken will und auf dem steht: Heilen ist leicht gesagt. Ohne Geduld, Vertrauen und einen langen Atem aber geht nicht viel.

          Die wissenschaftliche Medizin nämlich folgt einer Logik, die grundsätzlich anderen Prinzipien folgt als etwa die Alternativmedizinverfahren mit ihren „weichen“ Dogmen. Das harte Dogma in unseren Kliniken und mehrheitlich bei den Ärzten ist die wissenschaftliche Evidenz. Sie ist der Lackmustest jeder neuen Therapie und Diagnose. Sie allein setzt die Qualitätsmaßstäbe, die es nach bestem Wissen erlauben, alte und neue Verfahren seriös miteinander zu vergleichen und den Fortschritt zu feiern. Evidenz kommt aber nicht über Nacht. Es sind langwierige, große Studien erforderlich, ein teurer und von vielen unabhängigen Instanzen getragener Bewertungsprozess, der dem medizinischen Fortschritt ein dickes Preisschild aufdrückt. Dass nun ausgerechnet Spahn angedeutet hat, quasi unter Umgehung dieses unabhängigen Gutachterprozesses neue Therapien vom eigenen Ministerium bis zur Zulassung durchwinken zu lassen, zeugt von der Einfältigkeit, mit der die evidenzbasierte Medizin allen Erfolgen zum Trotz immer noch betrachtet wird.

          Auch die Digitalisierung hält in dieser Hinsicht Gefahrenmomente bereit. Die inzwischen verbreitete Vorstellung etwa, dass sich mit riesigen Datensammlungen, mit Big Data und Künstlicher Intelligenz, künftig jede Erkrankung automatisiert deuten und behandeln lässt, darf bei aller hilfreichen Assistenz der Rechner jedenfalls nicht dazu führen, die strengen Evidenzkriterien über Bord zu werfen.

          Was den Londoner HIV-Patienten und den Wunschsieg über Aids betrifft, ist die moderne Medizin auch nach dem Londoner Erfolg weiter illusionsfrei. Mit modernen Aids-Medikamenten bekommt man die Krankheit inzwischen heute so gut in den Griff, dass eine derart nebenwirkungsreiche und einschneidende Therapie wie eine Übertragung von Stammzellen eines anderen Menschen die große Ausnahme bleibt. Und das wird sie bis auf weiteres bleiben, wenn die Biomedizin es nicht morgen schon schafft, mit Gentherapie maßgeschneiderte Stammzellen für jeden Aids-Patienten herzustellen. Selbst dann aber braucht es für eine evidenzbasierte Zulassung ein ausgeprägtes Durchhaltevermögen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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