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Integration der Flüchtlinge : Gebt ihnen eine Aufgabe!

  • -Aktualisiert am

In Bewegung: Flüchtlingskinder in einer Erstaufnahmeeinrichtung in Hessen Bild: dpa

Wer nimmt, muss auch die Chance haben, etwas zurückzugeben: Erfahrungen und Ideen einer Flüchtlingshelferin, die vor Jahrzehnten selbst als Spätaussiedlerin nach Deutschland kam.

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          Seit beinahe fünfzig Jahren lebe ich nun in Deutschland, und immer noch gibt es ein kleines Fremdheitsgefühl. Und das, obwohl ich und meine Familie als Spätaussiedler in die Bundesrepublik gelangten. Damals keines Wortes der deutschen Sprache mächtig, überkam mich Angst, als mir diese Unfähigkeit zum Dialog beim Überschreiten der Grenze bewusst wurde. Ein Zollbeamter im Zug, der meine neue Uhr bemerkt hatte, ein Geschenk zur ersten heiligen Kommunion, fragte nach der Zeit, und ich verstand die Sprache des Landes nicht, das mir zur neuen Heimat werden sollte, das unser Vater uns als das Paradies angekündigt hatte, in dem man es schnell zu Wohlstand bringen könne, in dem Freiheit herrsche.

          Wie die Flüchtlinge heute, mussten wir nach der Ankunft in Hannover verschiedene Unterbringungsstationen durchlaufen. Auffanglager, Durchgangswohnheim, Not-Unterkunft. An meinem ersten Schultag spuckte mir ein Junge ins Gesicht. Ich verstand ihn nicht, aber sinngemäß sagte er wohl: Hau ab, was willst du hier, wir wollen dich nicht, geh dorthin, woher du gekommen bist. Ich wusste aber damals, dass es kein Zurück mehr gab. Also entschied ich, so schnell und so gut wie möglich die deutsche Sprache zu erlernen, damit niemand mich mehr als Ausländerin beschimpfen konnte.

          Frauen mit tieftraurigen Augen

          Nun, beinahe fünfzig Jahre später, engagiere ich mich im Spielzimmer des Netzwerks Solidarität in einer Gemeinde im Süden Deutschlands, in der ich seit zwei Jahren wieder lebe. 170 Flüchtlinge aus neun verschiedenen „sicheren“ Herkunftsländern sind in einem Haus auf einem ehemaligen Flugplatzgelände untergebracht. Den Weg zu ihnen zu finden ist nur in Begleitung eines Ortskundigen möglich. Nur wenige der Flüchtlinge sprechen Deutsch, und wenn, dann nur gebrochen. Die Verständigung ist schwierig.

          Dennoch gibt es großes Engagement seitens der Bevölkerung für diese Menschen: Fahrdienste, um sie zum Arzt zu bringen, Sprachkurs-Angebote, Spielzimmer für die Kleinen, monatliches Café International und anderes. Während des Tages sind eine Sozialarbeiterin und ein Hausmeister im Haus. Sobald deren Dienst beendet ist, kommt ein Sicherheitsdienst, der notwendig ist, weil es häufig zum Handgemenge unter den aus dem Balkan kommenden Asylsuchenden unterschiedlicher Herkunft kommt.

          Da kaum jemand von ihnen Aussicht auf endgültiges Asyl hat, ist ihr Interesse am Spracherwerb gering. Die Deutschkurse finden in der Regel mit nur drei oder vier Personen statt. Die Kinderschar der dort lebenden Familien ist groß, Verhütungsmittel sind unbekannt. Noch nie sah ich an einem Ort so viele Frauen mit tieftraurigen Augen. Kaum eine von ihnen hat eine Berufsausbildung, jung wurden sie Mütter. Die Ermunterung, das Angebot eines Sprachkurses zu nutzen, damit sie bei der Rückkehr in ihre Länder Vorteile daraus ziehen könnten, um zum Beispiel im Tourismus zu arbeiten, verklingt ungehört. Es ist ihnen zu mühsam. Sie haben noch nicht gelernt zu lernen.

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