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Erdogans Türkei : Das Entscheidende fehlt noch

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Neben der berechtigten Erleichterung über den abgewehrten Putschversuch rührt daher die große Begeisterung eines größeren Teils der türkischen Bevölkerung: Man hat einen Freifahrtschein für die weitere Fahrt in eine postkemalistische Republik gezogen. Die Frage ist, wie Erdogan und seine AKP angesichts des ihnen vermeintlich aufgegebenen historischen Auftrags bereit sein könnten, Mäßigung zu zeigen oder eines Tages aufgrund von Wahlergebnissen, die zu ihren Ungunsten ausfallen, zurückzutreten.

Jahrhundertprojekt Erdoganismus

Die Zukunft ist offen: Die Wirtschaft der Türkei steht nicht auf tönernen Füßen. Die demographische Entwicklung wird die Türkei noch die nächsten zwanzig Jahre beflügeln. Die geopolitische Lage der Türkei ist günstig – solange sie nicht unbedacht die Garantien einer Nato-Mitgliedschaft aufgibt. Aber nicht alles gelingt der AKP. Die Pläne, die Türkei könne Führungsmacht werden unter den durch die Arabellion neu installierten gemäßigten islamistischen Regierungen wie Ägypten und (nach türkischer Erwartung) bald auch Syrien, mündeten in einem Debakel. Der interne Konflikt mit den Kurden lässt sich nicht beliebig für innenpolitische Zwecke ausnützen. Die derzeitige Mobilisierung von Häme und Hass ist gefährlich und schadet dem Land.

Der allgemeinen Euphorie in der europäischen Politik und Öffentlichkeit über die Politik der AKP in den zurückliegenden Jahren folgt jetzt die Ernüchterung. Von außen gesehen waren diese Jahre tatsächlich goldene Jahre, weil sich alte und neue Machteliten in einem ungefähren Gleichgewicht befanden und sich gegenseitig in ihrem Wunsch nach unbedingter Machtausübung behinderten. Diese Zeit ist vorbei. Die alte kemalistische Opposition und die linken Intellektuellen sind weitgehend sprachlos. Nichts hätte sie ähnlich mundtot machen können wie der Putsch, dessen Scheitern sie begrüßten. Den dadurch eingetretenen Legitimitätsgewinn für die Regierung müssen sie verfluchen. Die größte und wirksamste Opposition für die jetzige Regierung – auch dies ein Vermächtnis der alten kemalistischen Republik – bleiben Aleviten und Kurden.

Mustafa Kemal wurde nur siebenundfünfzig Jahre alt. Er hatte vom Beginn des Unabhängigkeitskriegs bis zum seinem Tod die Türkei fast zwanzig Jahre lang dominiert. Recep Tayyip Erdogan, dreiundsechzig Jahre alt, regiert die Türkei seit mittlerweile dreizehn Jahren. Es spricht wenig dagegen, dass er Atatürk nicht nur an Lebensjahren, sondern auch in der Anzahl der Jahre an der Spitze des Staates überrunden wird. Alles hängt an Erdogan, aber nicht unbedingt an seiner Person. Nach dem Tod Atatürks im Jahr 1938 hatte der Kemalismus noch viele Jahrzehnte unbedingter Dominanz vor sich. Warum nicht auch der Erdoganismus, diese bemerkenswerte Verbindung von umgepoltem Kemalismus, konservativem Islamismus, Autoritarismus, offensiver Außenpolitik und wirtschaftlichem Erfolgsstreben? Es könnte ein Jahrhundertprojekt werden.

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