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Entführung : Der Fall Osthoff

Ein Bild, das irritierte: Osthoff beim ZDF-Interview Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Hat Susanne Osthoff gelogen? Daß angeblich ein Teil des Lösegeldes bei ihr gefunden wurde, wirft neue Fragen auf. Eine alte ist auf jeden Fall beantwortet: Vor ihrem umstrittenen Interview im ZDF gab es - anders als von Osthoff behauptet - ein Vorgespräch mit dem Sender. Wir dokumentieren es.

          Die Geschichte von „Focus“ ist eine Bombe - wenn sie stimmt. Wenn es tatsächlich zutrifft, daß Susanne Osthoff einen Teil des Lösegeldes bei sich hatte, das die Bundesrepublik für ihre Freilassung offiziell gar nicht bezahlt hat, wirft das eine Menge Fragen auf - an Susanne Osthoff, an das Auswärtige Amt und an die Bundesregierung.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Doch selbst wenn es nicht zuträfe, hätte die gesamte Branche der Journalisten in Deutschland Grund, sich selbst zu befragen. Insbesondere für Medienkritiker verbindet sich mit diesem Fall die Frage, wie sie mit der Wirklichkeit umgehen. „Bild am Sonntag“ hat gestern insofern die richtige Frage aufgeworfen: Neben der Schlagzeile „Osthoff mit Lösegeld erwischt“ hieß es: „Hat sie uns alle belogen?“

          Mit Gummibändern gebündelte Scheine

          Hat sie oder hat sie nicht? Folgt man den Recherchen des Magazins „Focus“, das seine Geschichte über mehrere Quellen, „die absolut zuverlässig sind“, abgesichert haben will, wird man die Frage vielleicht mit Ja beantworten wollen. Demnach hat Susanne Osthoff unmittelbar nach ihrer Freilassung Geldscheine bei sich gehabt, die zu dem für sie gezahlten Lösegeld zählten. Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Bagdad hätten mehrere tausend Dollar - mit Gummibändern gebündelte Scheine - in Osthoffs Kleidern entdeckt, als die Archäologin die Dusche der diplomatischen Vertretung benutzte. Bei einer Überprüfung der Seriennummern der Scheine hätten Beamte des Bundeskriminalamtes (BKA) eine Übereinstimmung mit dem von der Bundesregierung gezahlten Lösegeld festgestellt. Die Botschaft habe umgehend den Krisenstab des Auswärtigen Amtes in Berlin über die Geldbündel informiert. Dort habe Außenminister Frank-Walter Steinmeier „absolute Geheimhaltung“ angeordnet.

          Susanne Osthoff, schreibt „Focus“ weiter, sei für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen gewesen. Doch wollten auch das Auswärtige Amt und das Bundeskriminalamt die Sache nicht kommentieren. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Steinmeier hatten zuvor erklärt, Deutschland sei nicht erpreßbar und die Zahlung von Lösegeld werde grundsätzlich abgelehnt. Susanne Osthoff war am 25. November 2005 im Irak verschleppt und am 18. Dezember von ihren Entführern wieder freigelassen worden. Nach Informationen verschiedener Medien wurden rund fünf Millionen Dollar Lösegeld gezahlt. Nun fordern Politiker Aufklärung. Die Geschichte sei „voller Ungereimtheiten“, sagte der Unionsfraktionsvize Wolfgang Bosbach (CDU) in der „Welt“. Es geht um Informationen darüber, „was man nach der Entdeckung des Geldes veranlaßt hat“. Insbesondere interessiere ihn, „ob man Frau Osthoff befragt hat oder ob sie das Geld behalten durfte“.

          Giftige Darstellung

          Beobachtern war seit dem Beginn der Geschichte die, um es vorsichtig zu sagen, zurückhaltende, aber andeutungsweise giftige Darstellung des Auswärtigen Amtes aufgefallen. Daß Susanne Osthoff von der Gruppe des Terroristen Al Zarqawi entführt wurde, steht ebenso in Zweifel wie ihre Verbindungen zur deutschen Botschaft in Bagdad und wie ihre möglichen Kontakte zum Bundesnachrichtendienst. Warum hat man überhaupt ihre Kleidung durchsucht, während sie duschte? Macht man so etwas, wenn man nicht vorher schon Verdacht geschöpft hat? Und woher kommt das angeblich gefundene Geld - von den Entführern oder direkt von anderen? Diese Fragen stehen im Raum und geben der Politik vielleicht Anlaß, lieber zu diesem Fall einen Untersuchungsausschuß einzurichten als zu der Frage, ob der BND durch zwei Agenten in Bagdad während des Irak-Kriegs den Amerikanern Informationen zukommen ließ.

          Nun ist es allerdings so, daß nicht nur die Bundesregierung Rätsel aufgibt, sondern auch Susanne Osthoff selbst. Und diese Rätsel sind mit jedem Interview größer geworden, angefangen bei ihrem Auftritt im „heute journal“ des ZDF über „Beckmann“ in der ARD bis zu ihren Zitaten in Zeitschriften. Und dies ist nicht auf Susanne Osthoff, sondern auf die sie befragenden Journalisten zurückgefallen. Besonders die verwirrenden Einlassungen im ZDF (die man hier nachlesen kann: das Interview, wie es auf heute.de dokumentiert ist) haben einen Eindruck hervorgerufen, dem der Chefredakteur des Senders, Nikolaus Brender, mit einigem Recht entgegentritt.

          Ein langes Vorgespräch

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