https://www.faz.net/-gqz-9wdoz

75 Jahre nach Vertreibung : Die Enkel fordern von den Tschechen nichts

Die Geschmäcker sind verschieden: Manche Nachfahren der Vertriebenen engagieren sich in der Folklore. Andere haben mit Brauchtum nichts am Hut. Bild: dpa

Schlimmer als historischer Streit ist für sie die Ignoranz: Die Enkelkinder der nach dem Zweiten Weltkrieg vertriebenen Deutschen wollen das Interesse auf Ostmitteleuropa lenken. Revanchismus ist ihre Sache nicht.

          5 Min.

          Magdalena Becher trägt einen schillernden Familiennamen. Ihr Großvater Walter Becher amtierte von 1968 bis 1982 als sogenannter Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe. Er sah sich als politischer Anführer der nach dem Zweiten Weltkrieg aus Böhmen, Mähren und Schlesien vertriebenen Deutschen. „Ich empfand ihn als sehr reaktionär“, sagt die 37 Jahre alte Enkelin über den 2005 verstorbenen Vertriebenenfunktionär. Im jenem Jahr begann Magdalena Becher, Bohemistik zu studieren. „Wenn mein Großvater das mitbekommen hätte, wäre er wohl nicht erfreut gewesen.“ Für Walter Becher waren die Tschechen immer Gegner.

          Niklas Zimmermann
          (niz.), Politik

          Noch in den sechziger Jahren beharrte er auf dem Standpunkt, das Münchener Abkommen von 1938 und die von Hitler gewollte Zerschlagung der Tschechoslowakei sei rechtlich ungebrochen gültig. Die Enkelin hätte – wie ihre beiden Schwestern – beschließen können, die eigene Herkunft nicht zur Lebensaufgabe zu machen. Doch es kam anders: „Es ist mir ein grundlegendes Bedürfnis, mich in der deutsch-tschechischen Nachbarschaft zu engagieren.“ Ihre tschechischen Freunde seien eine „Bereicherung“. Dank ihrer gehobenen Tschechischkenntnisse hat Becher auch schon literarisch übersetzt und Teile des Erzählbands „Možná že odcházíme“ (Vielleicht gehen wir weg) des 2010 verstorbenen tschechischen Autors Jan Balabán für das deutschsprachige Publikum zugänglich gemacht.

          Testen Sie unsere Angebote.
          Jetzt weiterlesen.

          Testen Sie unsere Angebote.
          F.A.Z. PLUS:

            FAZ.NET komplett

          F.A.Z. PLUS:

            Sonntagszeitung plus

          Diese und viele weitere Artikel lesen Sie mit F+

          An der Goldküste des Zürichsees entwickeln sich die Dinge gern etwas weniger dynamisch.

          Helvetische Stille : Wer rüttelt endlich die Schweiz wach?

          Kann Wohlstand eine Bürde sein? Die Hoffnung vieler linker Schweizer Ex-Aktivisten wurde durch ein Millionen-Erbe zunichtegemacht. Wahrscheinlich ist deshalb kein Funken Aufruhr in Sicht. Nur Veränderung von außen kann helfen.
          Daisuke Inoue mit seiner Erfindung

          Geistiges Eigentum : Erfinden ohne Patente

          Der Schutz durch Patente treibt die Wissenschaft auf den Markt. Doch viele Forscher und Erfinder haben sich ihre geistigen Früchte gar nicht schützen lassen.