https://www.faz.net/-gqz-7wyfr

Englische Klassengesellschaft : Das ist auch so ein Rüpel, der Ukip wählt

  • -Aktualisiert am

Auch für „Mondeo Man“ gibt es Platz im Zelt

Der Typus des white man van ist ein Produkt Margaret Thatchers, deren Politik die alten Stammeszugehörigkeiten britischer Wähler aufgewühlt hat. Sie hat den wirtschaftlich aufstrebenden Arbeiter ermächtigt, indem sie es ihm ermöglichte, seine Sozialwohnung zu kaufen und sich aus den Fängen des Wohlfahrtsstaates zu befreien. Im Gegenzug hat dieser traditionell die Labour-Partei wählende Stand sie mit seiner Stimme ermächtigt.

Tony Blair hatte begriffen, dass Labour diese Stimmen zurückerobern musste, um regierungsfähig zu sein. Zu dieser Einsicht verhalf ihm im Wahlkampf von 1992, als die Partei schon seit dreizehn Jahren nicht mehr an der Regierung gewesen war, ein Schlüsselerlebnis mit einem selbständigen Elektriker, der vor seinem Eigenheim, einer ehemaligen Sozialwohnung, seinen Ford polierte. Dieser Kleinunternehmer, den Blair später nach dem Auto-Modell „Mondeo Man“ taufte, wollte wissen, was ihm seine Partei bieten könne. Wie sein Vater gehörte er einst zu den Stammwählern von Labour, war aber zu den Tories übergelaufen, weil Labour, so analysierte Blair damals, den Ehrgeiz des selbständigen Arbeiters durch hohe Steuern und Zinssätze drosselte. Blair hat es vermocht, „Mondeo Man“ zumindest vorübergehend in seinem „großen Zelt“ unterzubringen, in dem alle im Rahmen des dritten Weges ungeachtet ihrer Herkunft und Zugehörigkeit Platz finden sollten.

Die Arbeitspartei als Partei der Mittelschicht

Symbolisch für das Bündnis zwischen dem mittelständischen Neu-Labour und dem in der Arbeiterbewegung verankerten Alt-Labour stand das realpolitische Gespann Tony Blair und John Prescott. Der ehemalige Schiffskellner, der wegen seiner sprachlichen Verballhornungen zum Gespött wurde, spielte als stellvertretender Parteiführer eine wichtige Mittlerrolle in der Regierung Blair. 1997 verkündete er: „Wir gehören jetzt alle der Mittelschicht an.“ Das war ein Signal für die Verschiebung im Klassenbewusstsein. In der Hierarchie war die Herkunft nicht mehr ausschlaggebend. Es zählte, wo man angelangt war.

Diese Entwicklung findet in der Zusammensetzung des Parlaments ebenso Niederschlag wie in der Wählerschaft der Labour Party. Als Margaret Thatcher 1979 ihren ersten Wahlsieg errang, waren 98 Abgeordnete ehemalige Arbeiter. Im Jahr 2010 war dieser Anteil auf fünfundzwanzig Mitglieder des Unterhauses geschrumpft. Labour findet in London deutlich mehr Anklang bei der Mittelschicht als bei den Arbeitern. Bei der Frage, welche Partei den stärkeren Bezug zur Arbeiterschaft habe, schnitt Ukip mit 27 Prozent besser ab als die Labour Party, die bloß 21 Prozent erreichte.

Die Schichtzugehörigkeit verändert sich

Nun, da sich mehr als siebzig Prozent der Briten dem Mittelstand zurechnen, fallen der „Mondeo Man“ und sein enger Verwandter, der white van man, im Buhlen um die Mitte zwischen die Stühle der großen Parteien. Sie können sich weder mit den feinen Pinkeln der Konservativen Partei identifizieren noch mit den linksliberalen Intellektuellen an der Spitze der Labour Party. In diese Lücke springen jetzt Ukip und die anderen kleineren Parteien. Der neue Zulauf, den sie bekommen, ist nicht nur Ausdruck der breiten Verdrossenheit angesichts der etablierten Politik und deren mechanischer Stellungnahmen, sondern auch der gesellschaftlichen Umwälzung seit der Thatcher-Revolution.

Eine Studie stellte im vergangenen Jahr fest, dass jetzt sieben Klassen, die sich durch eine Mischung aus kulturellen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kriterien definieren, das alte System der Dreiständegesellschaft aus Ober-, Mittel- und Unterschicht ersetzt haben. In dem berühmten, die Klassengesellschaft persiflierenden Sketch aus den sechziger Jahren, in dem John Cleese als feiner Pinkel mit Schirm und Melone von oben herab auf die neben ihm aufgereihten Repräsentanten der Mittel- und Arbeiterschicht hinunterblickt, erklärt der kleine Arbeiter, er wisse, wo er hingehöre. Diese alten Sicherheiten bestehen nicht mehr.

Gesellschaftlich und politisch findet vor dem Hintergrund einer sich zunehmend fragmentarisierenden Nation eine Neuorientierung statt, mit der die etablierten Parteien nicht Schritt gehalten haben. Sie irren ohne Navigationssystem durch eine Landschaft, in welcher der white van man zu den wenigen gehört, die sich ihrer Identität bewusst sind.

Weitere Themen

Ein Schloss für Boris Johnson

Wie weiter beim Brexit? : Ein Schloss für Boris Johnson

Die Brexit-Gespräche zwischen May und der Labour Party kommen nicht voran. Die Partei will, dass das Verhandlungsergebnis nicht rückgängig gemacht werden kann. Jetzt setzt die Premierministerin den Gesprächen de facto eine Zeitgrenze.

„Little Joe“ Video-Seite öffnen

Filmclip : „Little Joe“

Auch in Konkurrenz um die Goldene Palme: Das Science-Fiction-Drama „Little Joe“ von Jessica Hausner, der am 17. Mai 2019 im Rahmen der 72. Internationalen Filmfestspiele von Cannes seine Premiere feierte.

„A Hidden Life“ Video-Seite öffnen

Filmclip : „A Hidden Life“

Das biografisch gefärbte Filmdrama „A Hidden Life“ von Terrence Malick feierte auf den Internationalen Filmfestspielen in Cannes 2019 seine Premiere und konkurriert dort um die Goldene Palme.

Topmeldungen

Ihr Europawahlkampf für die SPD gestaltet sich schwer: Katarina Barley

Barleys zäher Wahlkampf : Im Netz unten durch, sonst kaum beachtet

Die SPD hat für die Europawahl eine sympathische Kandidatin aufgestellt. In den Umfragen hilft das aber nicht. Warum hat es Katarina Barley trotz ihrer sympathischen und kompetenten Art so schwer?

Kurz’ Zögern : Gefangen in der Ibiza-Falle

Lange wartete Österreichs Kanzler, bis er sich zum Video von FPÖ-Chef Strache äußerte. Dabei war ihm schnell klar, dass sein Vize nicht zu halten ist. Dessen Parteifreund Gudenus soll derweil weiter Kontakt zu der vermeintlichen Oligarchennichte gehalten haben.

Bürgerschaftswahl in Bremen : Rot-Rot-Grün oder nichts

In den Umfragen steht die Bremer SPD schlecht da. Jetzt schließt sie ein Bündnis mit der CDU aus. Sie setzt damit die anderen Parteien unter Druck – und könnte so die Karten neu mischen.
Heiko Maas vor einer Regierungsmaschine auf dem Flughafen in Berlin-Tegel

Antrittsbesuch in Bulgarien : Maas hat wieder Pech mit seinem Flieger

Zum dritten Mal in drei Monaten: Heiko Maas hat wieder Ärger mit einem Flieger der deutschen Bundeswehr. Bei seiner Reise nach Bulgarien hatte der deutsche Außenminister mehr als eine Stunde Verspätung, weil ein Triebwerk nicht ansprang.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.