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Gina Thomas (G.T.)

Englische Fußballtrikots : Kuschellöwen

  • -Aktualisiert am

Der letzte große Titel: England schlägt Frankreich im Achtelfinale der Weltmeisterschaft 1966 mit zwei zu null und qualifiziert sich fürs Viertelfinale. Bild: Picture-Alliance

Die erfolglosen Löwen: 55 Jahre sind seit dem ersten und einzigen Weltmeisterschaftstitel der Engländer vergangen. Nun soll deren berühmtes Emblem durch ein seltsam zahmes Gegenbild ersetzt werden.

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          In der englischen Fußballmythologie entspricht der erste und bislang einzige Weltmeisterschaftssieg von 1966 der „größten Stunde“ der Nation im Zweiten Weltkrieg. Seitdem wird die Zeit in der Zahl der Schmerzensjahre gemessen, in denen der Traum, den Fußball wieder nach Hause zu holen ins Mutterland des Spiels, sich ein ums andere Mal zerschlägt. Bei der Europameisterschaft von 1996 erfasste die Stadionhymne die Hoffnungen der Fans im Angesicht der Niederlage mit einer Mischung aus Nostalgie und selbstironischem Defätismus. Das in den Fußball-Kanon aufgenommene Lied besingt die drei heraldisch hergeleiteten Löwen des Emblems auf dem England-Trikot, den glänzenden Pokal und den trotz unablässig verspielter Chancen fortlebenden Traum.

          Auf den Tribünen ist aus dem Refrain – „dreißig Schmerzensjahre“ – inzwischen der teils flehende, teils trotzige Ruf „no more pain“ geworden, mit dem die Fans ihre „Drei Löwen“ anfeuern, wie die Nationalelf aufgrund ihres Emblems im Volksmund heißt. Der englische Fußballverband hat sich bei seiner Gründung im Jahr 1863 dafür entschieden, die drei dem königlichen Wappen seit dem Mittelalter einverleibten Löwen als Wahrzeichen zu übernehmen, um die Verknüpfung von Mannschaft und Nation zu versinnbildlichen. Wie das Heer einst unter dem Banner des mächtigen Löwen auf das Schlachtfeld stürmte, sollten die Spieler ins Feld rücken. Damals wetteiferten nur die Heimatnationen miteinander.

          Symbolische Modernisierung

          Beim ersten Länderspiel, 1872 in Glasgow, traten die Engländer erstmals mit den drei schreitenden Löwen auf der Brust gegen die „Tartan Armee“ der Schotten an, die den aufgerichteten Löwen ihres königlichen Wappenschildes als Emblem führen. In den darauffolgenden Jahren sind immer wieder kleine, wenig bemerkte Modifizierungen vorgenommen worden. Mal wurden rote Klauen und Schnurrhaare hinzugefügt; die Blautöne gerieten abwechselnd heller oder dunkler; die Krone verschwand, und es wurde das Nationalemblem der Tudor-Rose zwischen die Löwen gestreut. Nun aber will sich der Fußballverband einen modernen Anstrich geben.

          Zwei der Löwen werden durch einen Welpen und eine Löwin ersetzt. Sie stehen für die jungen und die weiblichen Spieler. Das neue Emblem soll von den Graswurzeln bis zur Elite „Fortschritt, mehr Inklusivität und Zugänglichkeit auf allen Ebenen des ‚beautiful game‘“ symbolisieren. Obwohl den ersten Nationalmannschaften der Männer und Frauen das alte Emblem belassen wird, überschütten Traditionalisten den Fußballverband mit Hohn und Spott. Eine Kommentatorin fühlte sich an den Löwen Aslan aus den „Chroniken von Narnia“ erinnert, den die Weiße Hexe durch das Abschneiden der Mähne zu entmannen suchte. Gerade jetzt, wo der aufgerichetete schottische Löwe den Engländern drohend entgegentritt, scheint die kuschelige Löwenfamilie ein seltsam zahmes Gegenbild zu liefern als Ansporn für die Verbannung von fünfundfünfzig Schmerzensjahren.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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