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England nach der Europawahl : In der Zeitschleife

  • -Aktualisiert am

24. Juni 2016: Die Camerons kehren nach der Rücktrittsrede des Premierministers in die Downing Street 10 zurück. Bild: dpa

Wie im Juni 2016 steht Großbritannien als gespaltene Nation vor einem Scherbenhaufen. Heute sind sich die Briten allerdings klarer über die Ausweglosigkeit ihrer Situation. Sie könnten Trost finden in einem Buch.

          Die Komikerin Anna Russell pflegte ihre Parodie auf „Wagners Ring des Nibelungen“ mit der Bemerkung zu schließen, dass mit dem Auftritt der Rheinmädchen und der Rückkehr des Goldes zu den Wassern des Flusses am Ende das Publikum wieder am gleichen Punkt angelangt sei, an dem zwanzig Stunden zuvor alles begonnen hat. Das entspricht in etwa dem Zustand Britanniens nach der Europawahl.

          Es ist ein Déjà-vu-Erlebnis, als sei die Uhr zurückgestellt worden auf den Tag nach dem Brexit-Referendum, als lebten die Briten trotz der Dramen der letzten drei Jahre in einer Zeitschleife wie der Wetteransager in dem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Wie im Juni 2016 steht eine gespaltene Nation vor einem Scherbenhaufen. Heute wie damals ist die konservative Partei auf der Suche nach einem neuen Premierminister, heute wie damals zerbrechen sich die Mitglieder den Kopf darüber, ob sie das Wagnis eingehen wollen, dem einzelgängerischen Boris Johnson die Nachfolge Theresa Mays anzuvertrauen.

          Im Unterschied zu damals sind sich die Briten allerdings klarer über die Ausweglosigkeit ihrer Situation und die Optionen, die ihre Politiker jetzt erwägen müssen, obgleich sie nicht wissen, wie sie aus dem Labyrinth herausfinden. Das Wahlergebnis zeigt das Ausmaß der Polarisierung zwischen zwei extremen Positionen, einem Brexit ohne Abkommen oder einer abermaligen Volksabstimmung, wobei erstaunlich ist, dass die Wahlbeteiligung mit knapp 37 Prozent deutlich unter dem EU-Durchschnitt liegt und um wenig mehr als ein Prozent gestiegen ist seit der letzten Europa-Wahl, obwohl gerade für das Vereinigte Königreich so viel auf dem Spiel steht.

          Historiker streiten gern über die Frage, ob Persönlichkeiten oder Prozesse den Lauf der Geschichte prägen. Theresa May lieferte das Beispiel einer Führungsfigur, deren persönliche Schwächen ausschlaggebende Wirkung hatten. So verzwickt die Lage ist, hat die Kombination aus Starrsinn, mangelnder Phantasie und Unsicherheit die Krise ebenso verschärft wie Nigel Farages Vermögen, die Wähler mit seinen simplen Losungen zu animieren.

          Dieser Tage wurde bekannt, dass der letzte Band von Hilary Mantels Trilogie über den Tudor-Politiker Thomas Cromwell am 5. März 2020 erscheinen soll. Im zweiten Band schilderte die Autorin den Traum ihres Helden für ein England, in dem sich der Fürst und sein Gemeinwesen im Einklang befinden. Cromwell will nicht, dass das Königreich wie das Haus seines Vaters „geführt wird mit ständigen Streitereien und lautem Krachen und Schreien bei Tag und bei Nacht“. Er will, „dass es ein Haushalt ist, in dem jeder weiß, was er zu tun hat, und sich sicher fühlt“. Sollte das Krachen und Schreien der letzten Jahre im nächsten Frühjahr immer noch nicht verklungen sein, bleibt den Briten der Trost, sich mit Hilary Mantel ablenken und den Fortgang einer Geschichte verfolgen zu können, statt wie im wirklichen Leben auf der Stelle zu treten.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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