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Der letzte Gang des Prinzen : Nur eine kleine Sentimentalität

  • -Aktualisiert am

Allein auf weiter Flur: Königin Elisabeth II. trauert um ihren Ehemann Prinz Philip. Bild: AP

Die britische Königsfamilie hat vor den Augen der Welt den „Duke of Edinburgh“ beigesetzt. Die Trauerfeier für Prinz Philip erinnerte an jene für den Gatten Königin Victorias.

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          Aus der Zeit von Prinz Philips Verlobung mit der damaligen Thronfolgerin wird erzählt, ein Höfling habe dem jungen, von vielen damals als eine Art hergelaufenem Fremden betrachteten Bräutigam die Geschichte von Schloss Windsor erläutert. Der Höfling habe von oben herab bemerkt, der Prinz werde sich bestimmt dort wohl fühlen, wenn er sich erst einmal eingewöhnt habe. Prinz Philip soll den Höfling schlagfertig in die Schranken gewiesen haben mit dem Hinweis, dass seine Mutter in der königlichen Festung zur Welt gekommen sei. Königin Viktoria war bei der Geburt ihrer Urenkelin Alice von Battenberg im Teppichsaal des Schlosses zugegen.

          Gina Thomas
          (G.T.), Feuilleton

          Demnach schließt sich mit der Beisetzung von Prinz Philip in der St George’s Chapel von Windsor ein Kreis. Der Tod des Prinzen markiert auch in anderer Hinsicht eine wenig beachtete Wendung. Obgleich er nach allem, was man hört, aus Liebe heiratete, war er im britischen Königshaus der letzte Repräsentant der von seinen Ururgroßeltern in der Tradition der europäischen Herrscherhäuser eifrig betriebenen Politik der dynastischen Eheschließung. Wie später die demokratisch gewählten Politiker, die nach dem Zweiten Weltkrieg den Frieden durch die Gründung einer europäischen Gemeinschaft dauerhaft sichern zu können glaubten, hatten Viktoria und Albert unter dem Eindruck der Wirren der Napoleonischen Kriege und den revolutionären Unruhen von 1848 danach getrachtet, den Kontinent durch die sanfte Macht der ehelichen Bündnisse zu stabilisieren.

          Monarchen in ganz Europa

          Damit verband sich die Hoffnung, den Einfluss Britanniens zu erweitern, die liberalen Werte der parlamentarischen Monarchie in die Welt zu tragen und eine Völkergemeinschaft zu fördern, die durch gemeinsame Ziele geeint sein würde. Angefangen mit der Heirat ihrer ältesten Tochter Vicky mit dem preußischen Kronprinzen, gingen acht der neun Kinder Viktorias und Alberts Ehen mit Sprösslingen der kontinentaleuropäischen Herrscherhäuser ein. In der nächsten Generation bekleideten Enkel des britischen Königspaares die Throne Preußens, Russlands, Norwegens, Griechenlands und Rumäniens, von den weiteren verwandtschaftlichen Beziehungen etwa zur griechischen Monarchie, aus der Prinz Philip stammt, nicht zu reden.

          Die Heiratspolitik erwies sich schon zu Lebzeiten Viktorias als illusorisch, lange bevor die königlichen Vettern sich im Ersten Weltkrieg bekämpften. Wenn etwa Prinzessin Vicky und ihre an Dänemark und Hessen gebundenen Geschwister bei Familienanlässen in Windsor zusammenkamen, untersagte deren Mutter, dass in ihrer Anwesenheit über strittige Angelegenheiten im Zusammenhang mit der preußischen Machtpolitik gesprochen werde. Während der Beisetzung in der St George’s Chapel verkörperten Prinz Philips drei deutsche Verwandten aus dem deutschen Hochadel, die immerhin ein Zehntel der kleinen Trauergemeinde ausmachten, die weitverzweigten dynastischen Verbindungen der Nachkommen Viktoria und Alberts.

          Sie spiegelten sich auch in der Kirchenmusik, die der kosmopolitische Prinz persönlich bestimmt hatte. Gerade jetzt, da sich Britannien nach dem Brexit neu orientiert, wirkt die zunehmende Anglisierung des britischen Königshauses infolge der beiden Weltkriege und der Abschaffung der meisten Monarchien geradezu symbolhaft für die Abwendung von Kontinentaleuropa. Der Einfluss, den das Königshaus einst durch die Heiratspolitik zu gewinnen suchte, wird jetzt eher auf medialem Weg vermittelt.

          Als Pragmatiker durch und durch war Prinz Philip kein Freund nostalgischer Rückblicke. Er lebte in der Gegenwart und dachte in die Zukunft. Als er 1953 eine Auszeichnung der 1394 gegründeten Gilde der Stoffhändler in der Londoner City entgegennahm, ermahnte er seine Gastgeber, die Verantwortung für die Gegenwart vor lauter Besinnung auf die glorreiche Vergangenheit nicht zu vergessen. Diese Haltung ging mit der Abneigung gegen jede Form von Sentimentalität einher, eine Eigenschaft, die der bodenständige Prinz mit seiner Frau teilte. Nur einen subtilen Hauch von Nostalgie hat man sich während der Trauerfeier erlaubt: Auf dem leeren Bock von Philips Kutsche waren die Decke, die Peitsche, die Handschuhe, die Kappe und das Gefäß mit dem Zucker für die Ponys plaziert worden. Diese Geste erinnerte an das Bild, wie der Foxterrier Eduards VII. einst hinter der Lafette mit dem Sarg seines Herren hergelaufen war.

          Die Trauer der Königinnen

          Wie das Bild der Königin während des Trauergottesdiensts wieder eindringlich vor Augen rief, hatte sie mit ihrem Mann auch den Stoizismus gemeinsam. In den vergangenen Tagen ist viel von den Ähnlichkeiten Prinz Philips mit Königin Viktorias Prinzgemahl Albert von Sachsen-Coburg-Gotha die Rede gewesen. Die beiden verband auch der Wunsch, ohne großes Aufsehen bestattet zu werden. Prinz Alberts Beisetzung wurde denn auch trotz der Anwesenheit der mit der Bahn nach Windsor beförderten Würdenträger so einfach gehalten wie möglich. Im Unterschied zu Königin Elisabeth war Königin Viktoria nicht zugegen. Die Königin, deren sentimentaler Überschwang schon ihrem Mann zur Last gefallen war, hatte sich nach Osborne auf der Isle of White zurückgezogen, um zu trauern. Von dort sandte sie ein Veilchenbouquet mit einer weißen Kamelie, das auf den Sarg des Prinzen gelegt wurde.

          Ihre Ururenkelin, die neue Witwe von Windsor, hatte bereits vor der Grablegung ihres Mannes signalisiert, dass sie den am Ende der Trauerfeier geblasenen Marinebefehl, Stellung zu beziehen, folgen und ihre Dienste, sachlich und pflichtbewusst, wie sie ist, weiterführen werde.

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