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Ende des Patriarchats : So einfach ist es nicht

  • -Aktualisiert am

Das Patriarchat schadet auch den Männern, sagt Ralf Bönt. Das ist, für sich genommen, eine phantastische Erkenntnis. Er sagt, der Feminismus irrt. Stimmt. Leider irrt auch Bönt. Eine Replik.

          5 Min.

          Nach der Lektüre des Artikels „Der Feminismus hat sich verirrt“, verfasst von dem Autor Ralf Bönt, fielen einige Menschen in Ohnmacht und riefen: Was ist das denn? Warum steht so was in der Zeitung, das Feuilleton hat wohl eine Schraube locker, und das kam so: Nicht besonders stringent und sehr selektiv, sucht Bönt in jenem Text nach Beweisen für seine These, dass Gewalt nicht männlich ist, wie die Autorin Antje Ravic Strubel behauptet hat (was tatsächlich bescheuert verkürzt ist, denn, was heißt das: Gewalt hat ein Geschlecht? Ein Baby kommt auf die Welt, man sieht, ah, da ist ein Penis, oh, da müssen wir jetzt aber vorsichtig sein, denn wenn das Baby größer wird, werden wir ihm ja zwangsläufig das beibringen, was als typisch männlich gilt, also Obacht?!). Bönt antwortet in seinem Text darauf auf mindestens ebenso verkürzte Weise: Durch eine Statistik-Party versucht er deutlich zu machen, dass Gewalt heute auch ganz oft und immer häufiger von Frauen ausgehe, die übrigens häufiger Hitler gewählt hätten als Männer und überdies von den Männern in den ersten Kriegsjahren mehr Eroberungen gefordert hätten.

          „Dass Männer Gewalt auszuhalten haben, ist ein konstituierendes Element des Patriarchats, denn das entstand einst als System zum Schutz von dauerschwangeren Frauen und deren Kindern durch Männer.“ Heute sei das Patriarchat obsolet geworden, der Staat garantiere Schutz (welchen und für wen eigentlich?), und dennoch seien Männer noch immer mit den sexistischen Zuschreibungen (Gewalttätigkeit etwa) konfrontiert und Opfer von Gewalt. Bönt ist der Ansicht, dass wir in einem „Patriarchat 2.0“ leben (synonym für gegenwärtig, vermutlich), welches zuerst und viel mehr den Männern schade. Männer würden mehr Überstunden leisten, hätten mehr Krebs als Frauen, würden für die gleichen Delikte viel härter bestraft als Frauen, Jungen bekämen für die gleichen Leistungen in der Schule schlechtere Noten als Mädchen, brächten sich häufiger um, und schließlich würden Männer am Ende auch noch früher sterben. Die Argumentation ist katastrophal, die Wortwahl mitunter auf beschämende Weise diffamierend, und man könnte jedem dieser Argumente eines entgegenstellen, aber dann würde man Bönts Text nur einmal neu, aber ins Gegenteil umschreiben, und das ist sportlich komplett uninteressant und vor allem überflüssig, weil ohne Gewinn.

          Für eine humane Gesellschaft

          Denn für sich genommen ist die Erkenntnis, dass das Patriarchat auch den Männern schadet, geäußert von einem Mann, absolut phantastisch. Es ist toll, dass ein Mann sich mit dieser Frage auseinandersetzt, wichtig für Männer und für Frauen, die es meistens auch nicht gut finden, wenn ihr Mann im Schnitt fünf Jahre früher stirbt als sie, weil er so sozialisiert ist, dass er glaubt, es sei unmännlich, auf sich zu achten, und dagegen besonders männlich, sich totzuarbeiten. Ein Mann, der das Patriarchat abschaffen will, ist außerdem toll, weil er, wenn er gut nachdenkt, am Ende zu keiner anderen Erkenntnis kommen kann, als dass ALLE für das Gleiche kämpfen: eine humane Gesellschaft, an deren Anfang die Kritik des, äh, Systems, des kapitalistischen Wirtschaftssystems steht.

          Wie wollen wir leben, arbeiten, Kinder kriegen, den verfluchten Haushalt führen und dazwischen noch manchmal ein paar gute Gefühle haben? Braucht man dafür überhaupt Kinder? Kann man, will man sich dem Leistungsimperativ, welchen Bönt primär an Männer adressiert sieht (was totaler Quatsch ist), verweigern? Ebenso der flächendeckenden Kinderbetreuung, an welcher vielleicht auch deshalb ein breites Interesse besteht, weil es dann mehr billige Arbeitskräfte (Frauen) gibt? Was ist gute Kinderbetreuung?

          Drecksarbeit für alle

          Bönt fordert die Abschaffung des Patriarchats, die Entlassung des Mannes aus seiner sozialen Rolle, das Ende der Opferrolle der Frau und die Abschaffung der Männer-Drecksarbeit zu Hause (verstopfte Abflussrohre, Handwerkerarbeit). Für die Gesundheit des Mannes sei es von entscheidender Bedeutung, dass dieser in der „inneren Familie“ ankomme. Juuuuhuuu, jaaaaaaaaaaaaaa!!!, werden ihm da ganz viele Frauen antworten. Und dann werden sie fragen: Aber macht der Mann dann auch genauso bei dem dummen Kochen und Putzen mit? Ist er dann auch genauso oft mit der Kindererziehung befasst? Und diese Fragen stehen hier wirklich nicht, um Bönts Hinweis auf die Männer-Drecksarbeit zu relativieren, die es ganz unbestritten gibt, oder um hervorzuheben, dass Frauen aber auch total viel Drecksarbeit erledigen. Diese Macht-der-Mann-mit-Fragen stehen hier nur, weil es eine Tatsache ist, dass Frauen, die mit Männern zusammenleben, in der Regel den Haushalt schmeißen. Und wenn Kinder dazukommen, offenbaren sich die Unterschiede noch stärker. Dann erledigen die Frauen die Erziehung, den Haushalt, und wenn sie wieder anfangen zu arbeiten, machen sie alles gleichzeitig. Oder sie fangen nur ein bisschen wieder an zu arbeiten, weil Frauen, weil sie Frauen sind, weniger verdienen als ihr Mann.

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