https://www.faz.net/-gqz-7bek3

Ende des Patriarchats : Der Feminismus hat sich verirrt

  • -Aktualisiert am

Eine lange Liste

Auf allen Ebenen unseres sozialen Lebens kann man sehen, wie das Patriarchat zur Benachteiligung des Mannes funktioniert: Zwar bekommen Frauen acht Prozent weniger Lohn für dieselbe Arbeit, Männer leisten aber mehr unbezahlte Überstunden. Sie bekommen nur Bruchteile der finanziellen Aufwendungen im Gesundheitswesen, zum Beispiel in der Krebsvorsorge - und das, obwohl sie mehr Krebs haben als Frauen und häufiger daran sterben. Gesetzesinitiativen zur Verbesserung der Lage scheiterten, die Angleichung der Beiträge in der privaten Kranken- und Lebensversicherung waren dagegen erfolgreich. Männer werden vor Gericht für dieselben Delikte härter bestraft als Frauen, vom Diebstahl bis zum Kindsmord. Männer werden vom Jobcenter deutlich früher wegen Erschleichung von Leistungen angegangen als Frauen. Jungen bekommen für dieselben Leistungen in der Schule schlechtere Noten als Mädchen, denen man schon den Willen zur Leistung honoriert. Neun von zehn tödlichen Arbeitsunfällen treffen einen Mann. Obdachlosigkeit ist ein Männerproblem, weil Frauen leichter einen Unterschlupf finden, wenn sie pleite und ungewaschen sind. Die Liste ist sehr lang.

Aber wieso weiterreden, wenn in keiner Sexismusdebatte darüber gesprochen wird, dass sich acht bis zwölf mal mehr Jungen als Mädchen in der Pubertät selbst töten? Ich habe erlebt, wie Frauen die hohe Zahl erfolgloser Selbstmordversuche von Mädchen als Beleg für deren Benachteiligung angeführt haben oder behaupteten, Obdachlosigkeit sei für einen Mann weniger problematisch als für eine Frau.

Lebenserwartung

Es gibt eine ganz einfache Kenngröße, an der wir Patriarchat, und wie es zuerst und vor allem dem Mann schadet, messen können: die Lebenserwartung. Der Gender Inequality Index der Vereinten Nationen befindet, dass Gleichstellung zwischen den Geschlechtern schon dann herrsche, wenn die Differenz der Lebenserwartungen fünf Jahre beträgt (wovon wir in Deutschland derzeit nicht weit entfernt sind). Was ja nichts anderes heißt, als dass es die UN für gerecht hält, wenn Männer fünf Jahre vor den Frauen zu sterben haben. Wissenschaftlich gesichert ist nur, dass die Differenz in Klöstern oder im Kibbuz sehr gering ist. Um 1920 betrug sie in den Vereinigten Staaten ein Jahr, in Deutschland lag sie bis Ende des Zweiten Weltkrieges bei drei Jahren. Danach stieg sie, obwohl keine Kriege mehr zu führen waren, auf sieben Jahre. Die Lebenserwartung ist eine erstklassige sozioökonomische Variable, denn reiche Menschen lebten schon immer länger, weil besser als arme.

Eine Forschergruppe um Debbi Stanistreet vom Institut für Psychologie, Gesundheit und Gesellschaft an der Universität Liverpool fragte 2005 denn auch, ob das Patriarchat die Ursache für die höhere Sterblichkeit von Männern ist. Stanistreet ging dabei sehr robust vor: Sie sah sich 51 Länder an und nahm als Maß für Patriarchalität die Rate von Tötungsdelikten an Frauen. Dann stellte sie fest, dass diese engstens mit den Sterberaten von Männern korrelierten: Je früher die Männer starben, desto gefährdeter waren die Frauen. Männer starben jedoch in allen Ländern früher als Frauen.

Indem ihm von der Gemeinschaft nicht derselbe Schutz zugestanden wird, schadet das Patriarchat dem Mann immer zuerst und mehr als den Frauen, es schadet ihm auch mehr als es ihm nützt. Gegen die hohe, sozial bedingte Männersterblichkeit empfahl Stanistreet globale sozialpolitische Maßnahmen.

Weitere Themen

Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

Die Sehnsucht der Frauen

Fraktur : Die Sehnsucht der Frauen

Hat Merkel sich über ihre Geschlechtsgenossinnen lustig gemacht? Oder ist dieser Kontrollverlust ein Anzeichen für das Kohl-Syndrom?

Topmeldungen

Sturm aufs Kapitol : „Tötet ihn mit seiner eigenen Waffe!“

Wer plante den Angriff auf das Kapitol am 6. Januar, und wie viel Verantwortung trägt Donald Trump? Das soll ein Untersuchungsausschuss klären. Bei der ersten Sitzung riefen Aussagen von Polizisten die Brutalität in Erinnerung.
Ferienzeit in Deutschland: Der Frankfurter Flughafen am 17.07.2021

F.A.Z. Frühdenker : Corona-Testpflicht für alle Reisenden wohl ab 1. August

Das Datum für eine erweiterte Testpflicht für Reisende steht, sagt Söder. Wird der Klimaschutz das zentrale Wahlkampfthema? Und im „Cum-Ex“-Skandal wird es wichtige Weichenstellungen geben. Was sonst noch wichtig wird, steht im F.A.Z. Frühdenker.
Unbedingt querlüften: Klassenzimmer in Düsseldorf

Corona-Ansteckung : Was Sie über Aerosole wissen müssen

Die Mehrheit der Deutschen kennt auch im zweiten Corona-Jahr nicht die Ansteckungsgefahr durch Aerosole. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat nun alle Fakten zusammengestellt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.